Kirmes in Langenbügel


Aus Kettwig vor der Brücke stammt die Geschichte von der Langenbügeler Kirmes um 1870. Die Tradition des Volksfestes wird heute in der Ortschaft Isenbügel fortgesetzt und findet als Blotschenball in jedem September statt.

Im Jahre 1928 wurde sie von der Kettwiger Zeitung in der Rubrik „Bergsche Rabauen“ veröffentlicht, in der Texte über die Zeit des alten Dorflebens südlich der Ruhr in Kettwig vor der Brücke und Laupendahl erschienen.

In neuerer Zeit wurde sie als Beispiel für Berschener Platt in zwei mundartlichen Sammlungen veröffentlicht. Im Jahr 2008 sind die Bücher „Nau! Meester Ihlig“ von Günter Voss in Kettwig und „RuSaKeWe“ von dem Mülheimer Autor Franz Firla erschienen. Das Werk von Herrn Voss stellt Texte im Original und mit Übersetzung aus Kettwig nördlich und südlich der Ruhr vor. „RuSaKeWe“ von Franz Firla enthält Platt-Texte aus den Orten Ruhrort, Saarn, Kettwig und Werden entlang der unteren Ruhr. Ihnen beiden möchte ich an dieser Stelle für die freundliche Unterstützung dieser Seite herzlich danken.

Damit Sie diese Geschichte bestmöglich verstehen können, finden Sie rechts neben dem Text in Mundart die hochdeutsche Übertragung.

Kermeß en Langenbügel

Die Kermessen hant all lang so reit nix mier op sich, do goew et met der Tied völl te völl anger Afwechslung, wenn et oauch noch nie so schlemm as nu woar. Jetz hant de Lüdd völl miehr Gelegenheit für Vergnügen als Geld, öm dat toau betahlen. Die Humtereei geeiht ald an aller Herrgottsfröh an on de dicke Tromm eeinen baul de ganze Sonndag dörch de Kopp; manchmol fängt et ald des Samsdags an on die ganz wichtige Festen duren nu dreei Dag, dronger dont se nit miehr oder et es keeinen vornehmen Verein on dat wellen se doch schließlich all sinn. Die Kirmes hat schon lange nichts Besonderes mehr an sich, da gab es mit der Zeit viel zu viel andere Ablenkung, wenn es auch noch nie so schlimm wie jetzt war. Jetzt haben die Leute viel mehr Gelegenheit für Vergnügen als Geld, um das zu bezahlen. Der Krach geht schon in aller Herrgottsfrühe los und der große Krach einem bald den ganzen Sonntag durch den Kopf; manchmal fängt es schon am Samstag an und das ganze Fest dauert nun drei Tage lang, darunter wird es nicht mehr gemacht oder es wäre kein vornehmer Verein mehr und das wollen sie doch schließlich alle sein.
Döchtige Kermessen woaren newen der Saanschen, die oauch vandag noch gruaten Toauloaup het, wenn auch lang nit soa als fröüher, vor allem die Langenbügeler Kermeß. Sie seiten oauch Appeltaten- oder Freetkermeß derfür. Appeltaten on dicke Ries! Jonges, Jonges, do gong et manchmol schlemm toau un des Sonndags Nommedags hadden sich die meiste Blagen ald den Buck verdorwen, besongesch, wenn se noch Prumen derbeei gefreten hadden, die dann grad riep sind. Beei de Mannslüdd koam dat soa rasch nit für, die mauten domols Kueken nit liawer als vandag, owwer die verdorwen sich des Ohmes de Magen an jett angesch. Große Kirmessen waren neben der Saarner, die auch heute noch großen Zulauf hat, wenn auch lange nicht so sehr wie früher, vor allem die Langenbügeler Kirmes. Sie sagten auch Apfelkuchen- oder Fresskirmes dazu. Apfelkuchen und Milchreis! Jungens, Jungens, da ging es manchmal schlimm zu und des Sonntagnachmittags hatten sich die meisten Kinder schon den Bauch verdorben, besonders, wenn sie noch Pflaumen dabei gegessen hatten, die erst gerade reif sind. Bei den Männern kam das so schnell nicht vor, die mochten damals Kuchen nicht lieber als heute, aber sie verdarben sich des Abends die Mägen an etwas anderem.
Op de Langenbügeler Kermeß lieten de Lüdd meeistens orntlich jett sprengen, namentlich de Helgenhüser Schlootschmed, die verdenden domols ald völl Geeild on hadden nit sovöll Gelegenheit, et quitt te wäden. Des Samsdags Ohmes do fongen se op eeiner Stell met de Blotschnball an, do woaren de Langenbügeler onger sech. Van aulers her gongen die Bergschen en der Regel des Mondags, do sind manche Hemmelfahrtsreisen fürgekumen, wo die Aulen van vertaulen. Auf der Langenbügeler Kirmes ließen die Leute meistens ordentlich etwas springen, namentlich die Heiligenhäuser Schloßschmiede, die verdienten damals schon viel Geld und hatten nicht so viel Gelegenheit, es loszuwerden. Des Samstagabends, da fingen sie gerade mit dem Blotschenball an, da waren die Langenbügeler unter sich. Von Alters her gingen die Bergischen (aus Laupendahl und Kettwig vor der Brücke) in der Regel am Montag, da sind manche Himmelfahrtsreisen vorgekommen, wovon die Alten noch erzählen.
Domols soag et met denn Wegen nit soa gut als nu, do koaun er eeinen em Düstern den Hals zerbreken, wenn he minnetwegen vam Sengenhoault heraf woaul. De Wech van de Struker Schual koaun üwerhaupt märr nen Enngeweeihden gonn. Vondag es dat jo gottlob angesch, do kann man nu met dem feinsten Auto herop. Nu hat sich oauk ens wiehr en Gesellschaff des Mondags nomm Langenbügel op de Kermeß gemackt, dat woaren de rechtige Konzoaten, die et emmer roauh liegen lieten, wo se herkoamen, wenn se oauch nit derekt Schleitigkeiten uttrocken oder Schleegereeien veranstaldeden. Awwer supen mödden die Kähls gekoaunt hann, dat mott wahl schlemm gewest sinn. On watt van Tüch, et schudderden eeinen, wenn merr dat märr bloß huaden. Bier ohne Is natürlich, Wien so suhr, dat he Löker en et Leder froat. Damals sah es mit den Wegen nicht so gut aus wie heute, da konnte man sich im Dunkeln den Hals brechen, wenn jemand – meinetwegen – vom Sengenholz aus hinauf wollte. Den Weg von der Strucker Schule konnten überhaupt nur Eingeweihte gehen. Heute ist das ja gottlob anders, da kann man nun mit dem feinsten Auto hinauffahren. Nun hat sich wieder eine Gesellschaft am Montag auf den Weg zum Langenbügel auf die Kirmes gemacht, das waren die richtigen Konsorten, die alles verwüsteten, wohin sie auch kamen, wenn sie nicht gleich Streiche spielten oder Schlägereien veranstalteten. Aber Saufen müssen die Kerle gekonnt haben, das muss wirklich schlimm gewesen sein. Und was für ein Zeug, es schauderte uns, wenn wir das nur bloß hörten. Warmes Bier natürlich und so sauren Wein, dass er Löcher ins Leder fraß.
Üwer die Geschichten, die hei vertault wäden söllen, es oauch ald en half Johrhongert vergangen, awwer man kann do so reit drut senn, wat die Rabauen domols für Striek mackden. Seit den Geschichten, die heute erzählt werden sollen, ist auch schon ein halbes Jahrhundert vergangen, aber man daraus gut sehen, was die Rabauken damals für Streiche spielten.
Also an dem Ohmend woar die Freud oauch endlich, so öm vier Uhr erömm, am Eng. Dat woar en der Regel, wenn die Helgenhüser Striet anfengen on se allemolen nit miehr stonn koaunen. De eeine Pollizeei on Schandarm woaren meeist ald fürher voll wie de Hippen. Met en Mann off twölf mackden sich nu die Bergschener op den Drab no Huus, em Steekendüstern on Regenweder. We die aul Weeg noch gekangd het, weit, wat dat van Konnstöck woar. Se woaren glöcklich böß nom Sengenhoault gekumen. Op eeimol schreit er eeinen öm Hölp, dat woar sonne kleeine Anstrieker, oauch ’nen rechtigen Donnerkiel on jammerden, he hätt en Beein terbroken. So voll di Kähls nu oauch woaren, koaunen se öm doch nit jot liegen loten on moßten en afwechselnd dragen. Man kann sich fürstellen, wat dat van Schrankeleei woar. Do seit dich doch de verdammden Anstrieker: „Lotent mech ens loß, ech glöüw, et geeiht mech besser.“ An gerade diesem Abend war das Spektakel auch endlich, so gegen vier Uhr, am Ende. Das war so in der Regel, wenn die Heiligenhäuser Streit anfingen oder sie alle schon nicht mehr stehen konnten. Der eine Polizist und der Gendarm waren meist schon vorher voll wie die Ziegen. Mit einem Trupp von zwölf Leuten machten sich nun die Bergischen auf den Weg nach Hause, im Stockdunkeln und bei Regenwetter. Wer den alten Weg noch gekannt hat, weiß, welche Leistung das war. Sie waren sicher bis zum Sengenholz gekommen. Auf einmal schreit da jemand um Hilfe, das war ein kleiner Anstreicher, lauthals und jammerte, er hätte sich ein Bein gebrochen. So voll die Kerle nun auch waren, konnten sie ihn doch nicht einfach liegen lassen und mussten ihn abwechselnd tragen. Man kann sich vorstellen, welche Quälerei das war. Da sagt auf einmal der verdammte Anstreicher: „Lasst mich jetzt los, ich glaube, es geht mir besser.“
Se sadden öm vöasechtig op de Beein, jo, he koaun tradden on liep wiehr selwer. Wenn he nu de Mul gehoaulen hädd, wöer do widdersch nix passiert. Awwer nu gong dat Stecheln loss: „Nä, ech bedank mech ouch völlmols, dat jönt mech so nett gedragen hant, mech sind doch de Knök te schad, öm se te terbreken, dat können Dommere donn“ on so gong dat an eeiner Tour. Sie setzten ihn vorsichtig auf die Beine, ja, er konnte auftreten und lief wieder selber. Wenn er jetzt den Mund gehalten hätte, wär da weiter nichts passier. Aber nun gingen die spitzen Bemerkungen los: „Ach, ich bedanke mich ja vielmals, dass ich mich so nett getragen habt, mir sind doch die Knochen zu schade, um sie mir zu brechen, dass sollen Dümmere tun“ und so ging das in einer Tour.
Sue kumen se böß an Möllhoff sinn Schmedd. Domols woar grad die Bahn no Möllem prad gewoaden. Als he do em Lampenlicht für öhr herömdanzten on dat Stecheln nit ophuet, kreeg enner dich en paar doch sonnen Kanategeft on griapen sech den Bommel: „Na wach märr, du schleiten Hund!“ Se hialen sech en der Schmedd nen orntliche Streck on bongen de Kähl an de Spetz van de Bajehr fass, sadden sech all op dat anger Eng on trocken de armen Deuwel en de Hüa on lieten en do en Tied lang hangen. Nu koaun he jammern on bedeln, se söülen öm doch em Hemmelswellen herafloten. Sie lieten en awwer iasch noch jett zappeln on als senn loßbongen, woar he spetze nöüter gewoaden on mackden jau, dat he noh Huus koam.So kamen sie bis zu Möllhoffs Schmiede. Damals war gerade die Bahn nach Mülheim fertiggeworden. Als er dort im Lampenschein vor ihnen herumtanzte und seine Bemerkungen nicht aufhörten, bekamen ein paar von ihnen eine solche Mordswut und packten sich den Bengel: „Na warte bloß, du falscher Hund!“ Sie holten sich in der Schmiede einen ordentlichen Strick und banden den Kerl an die Spitze der Schranke fest, setzten sich alle auf das andere Ende und zogen den armen Teufel in die Höhe und ließen ihn eine Zeit lang dort hängen. Da konnte er jammern und betteln, sie sollten ihn doch um Himmels willen herunterlassen. Sie ließen ihm aber erst noch etwas zappeln und als sie ihn losbanden, war er schlagartig nüchtern geworden und machte rasch, dass er nach Hause kam.
Oauch die angern schliapen sich orntlich ut, on koanen am angern Dag met öhren dicke Kopp üwer de Langenbügeler Kermeß nohdenken.Auch die anderen schliefen sich ordentlich aus und konnten am nächsten Tag mit ihrem dicken Kopf über die Langenbügeler Kirmes nachdenken.

aus: „RuSaKeWe, Alte und neue Texte in den Mundarten der unteren Ruhr bei Ruhrort, Saarn, Kettwig und Werden“ von Franz Firla, erschienen 2008 in der Buchhandlung Hilberath & Lange zu Mülheim an der Ruhr, Seiten 92 bis 94, ebenso: „Nau! Meester Ihlig, Geschichten in Kettwiger und Vor der Brücker Platt“ von Günter Voss, erschienen 2008 im Selbstverlage des Autors zu Essen-Kettwig, Seiten 89 und 93, erstmals veröffentlicht in der Kettwiger Zeitung am 15.09.1928, erschienen im Verlag von Friedrich Flothmann zu Kettwig

Originaltext in Berschener Mundart, übertragen ins Hochdeutsche von Günter Voss, bearbeitet von Marc Real


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