Meister Eilig


Aus Kettwig vor der Brücke stammt die Geschichte vom alten Meister Ihlig und seinen außergwewöhnlichen Erlebnissen.

Im Jahre 1928 wurde sie von der Kettwiger Zeitung in der Rubrik „Bergsche Rabauen“ veröffentlicht, in der Texte über die Zeit des alten Dorflebens südlich der Ruhr in Kettwig vor der Brücke und Laupendahl erschienen.

In neuerer Zeit wurde sie als Beispiel für Berschener Platt von dem Mülheimer Autor Franz Firla in sein Buch „RuSaKeWe“ aufgenommen. „RuSaKeWe“ ist im Jahre 2008 erschienen und befasst sich mit den Mundarten des unteren Ruhrtals zwischen Ruhrort und Werden. Der Name des Buches leitet sich aus den Ortschaften Ruhrort, Saarn, Kettwig und Werden ab und präsentiert neben mundartlichen Texten auch Hintergrundwissen und ein kleines Platt-Wörterbuch. An dieser Stelle möchte ich Herrn Firla für die freundliche Unterstützung dieser Seite herzlich danken.

Damit Sie diese Geschichte bestmöglich verstehen können, finden Sie rechts neben dem Text in Mundart die hochdeutsche Übertragung.

Meeister Ihlig

En auler Tied goew et en Stadt on Langd, oauch em klennsten Dorp allerhand Originalen, datt woaren Lüdd, die watt besongersch an sich hadden oder en bitschen komisch woaren oder et nitt ganz reit em Kopp hadden. Grad em Bergschen woar do keeine Mangel ahn on vandag sind beei die nu Aulen noch manche Names on Striak van die Lüdd en Erennerung. Do woaren onger angern de Kiddel-Hannes, ne aule Judemetzger, dä nu wahl ald 75 Joahr duet es, Ruat-Hannes, Adam de Kiep brennt, Hermann Kackböscher, Marieche Strömer nit te vergeten on Meeister Ihlig. Van Ihlig söllen heei ennige Striak vertault wäden, nit die he selwer gemackt hett, sondern die anger Rabauen met öm uttrocken. In alter Zeit gab es in Stadt und Land, auch im kleinsten Dorf allerhand Originale, das waren Leute, die etwas besonderes an sich hatten oder ein bisschen komisch waren oder es nicht ganz richtig im Kopf hatten. Gerade in Kettwig vor der Brücke gab es daran keinen Mangel und heute sind bei den Alten noch manche Namen und Streiche dieser Leute in Erinnerung. Da waren unter anderem der Kittel-Hans, ein alter jüdischer Metzger, der nun schon bald 75 Jahre tot ist, der rote Hans, Adam „der Korb brennt“, Hermann Kackböscher, Mariechen Strömer nicht zu vergessen und Meister Eilig. Von ihm sollen hier einige Streiche erzählt werden, nicht die er selbst gemacht hat, sondern die andere Rabauken sich mit ihm leisteten.
Et woar ’nen aule Schnieder, de newenbeei oauch de Lüdd für säß Penning rassierden. Sinne Namen hadd he dovan, datt he ömmer seiden, he hätt keein Tied, he woar ’ne ganz harmlose Mensch on diad keein Fliag an de Wangd jett. Et woar en ault verschröümelt Männeken on hadd ömmer ’ne lange grüane Schlepprock ahn, de für fofzig Joahr wahrscheinlich enns schwatt gewest woar. De Rock knöppden he nie toau un deshalb flogen die Schleppen, die öm böß üwer de Knie gongen, märr sua eröm. Met dem reiten Arm schwenkden he emmer em gruaten Bogen, sua datt dat utsoag, als wenn er eeinen em Water en ’nem Fleger am Lappen es. He drog, of Sumer oder Wengter, emmer en dick schwatt Halsduek on hatt en schwatt Käppken om Kopp. He hadd eeine Fehler, he woar forchbar nöüschierig en vertellden te gähn, deshalb liet he sich oauch die dollsten Saken opbengen. Kluek woad he ewwer deshalb doch nie. He woar emmer röstig on „ihlig“, liap für säß Penning no Mengterd on rassierden de katholische Paschtur; he hadd märr noch en paar treue Konden, weil he zedderden on dann de Lüdd schnied. Deshalb hadd he oauch emmer en Stöcksken Schwamm enne Täsch on wenn he eeinen bloß twei- oder dreeimol ratschden, dann hadd de Glöck. He kallden dann drüawer fott, woar emmer monter en es wied üwer nigenzig Joahr auld gewoaden on wenn he nit per Zufall den Hals terbroken hädd, wöer he vielleicht 100 Joahr auld gewoaden oder lewden am Eng vandag noch.Es war ein alter Schneider, der nebenbei auch die Leute für sechs Pfennige rasierte. Seinen Namen hatte er davon, dass er immer sagte, er hätte keine Zeit, er war ein ganz harmloser Mensch und tat keiner Fliege an der Wand etwas. Er war ein altes zerknittertes Männchen und hatte immer einen langen grünen Schlepprock an, der vor fünfzig Jahren wahrscheinlich einmal schwarz gewesen war. Den Mantel knöpfte er nie zu und deshalb flogen die Schleppen, die ihm bis über die Knie gingen, immer so herum. Mit dem rechten Arm schwenkte er immer im großen Bogen, so dass es aussah, als wenn er im Wasser rudern würde. Er trug, ob Sommer oder Winter, immer ein dickes schwarzes Halstuch und hatte ein schwarzes Käppchen auf dem Kopf. Er hatte einen Fehler, er war furchtbar neugierig und erzählte zu gerne, deshalb ließ er sich auch die tollsten Sachen aufbinden. Schlau wurde er daraus aber doch nie. Er war immer rüstig und eilig, ließ für sechs Pfennige nach Mintard und rasierte den katholischen Pastor; er hatte nur noch ein paar treue Kunden, weil er zitterte und dann die Leute schnitt. Deshalb hatte er auch immer ein Stückchen Schwamm in der Tasche und wenn er jemanden bloß zwei- oder dreimal schnitt, dann hatte der Glück. Er redete dann darüber weg, war immer munter und ist weit über neunzig Jahre alt geworden und wenn er sich nicht durch Zufall den Hals gebrochen hätte, wäre er vielleicht hundert Jahre alt geworden oder lebte am Ende heute noch.
Eines Dags, do woar em 5 Uhr noch nömmes van de Metzger turück, die morges nom Viehmark noh Düsberg fuhre on dann meeistens met dem 4 Uhr- Zog trück koamen. Domols woar de Mölmsche Bahn noch nitt lang eröffnet un fuhr ne so döckes as nu. Die Frauen mackden sich Sorg, wo die Männer bliawen. Do kömmt dich eeinen unnüsele Flabes op die Idee, Meeister Ihlig, de öm grad en de Wech liap, te sagen: „Wedd Ihr ald, dat de Rhienbröck en Hommerich engestörz es on ’ne ganzen Iserbahnzog met Mann on Mus versopen es?“ He hadd dat in Düßberg gehued. Datt woar jett für Ihlig! So wennig Tied wie he emmer hadd, liap he doch nu langes de ganze Bröck on vertauld die Räubergeschichden un seit oauch dorbeei, datt do wahrscheeinlich de Metzger un Viehhängler drenn geseeten hädden. Jedereein moß datt nu van öm hüren, beeim dredden vertaul he all, datt he selwer en Düßberg datt gehout hadd on biem viaden glow he datt oauch als selwer.Eines Tages, da war um 17 Uhr noch niemand von den Metzgern zurück, die morgen zum Viehmarkt nach Duisburg fuhren und dann meistens mit dem 16-Uhr-Zug zurückkamen. Damals war die Mülheimer Bahn noch lange nicht eröffnet und fuhr nicht so häufig wie jetzt. Die Frauen machten sich Sorgen, wo die Männer blieben. Da kam doch so ein einfältiger Depp auf die Idee, Meister Eilig, der ihm gerade über den Weg lief, zu sagen: „Wissen Sie schon, dass die Rheinbrücke in Homberg eingestürzt ist und ein ganzer Eisenbahnzug mit Mann und Maus ertrunken ist?“ Er hätte das in Duisburg gehört. Das war was für Eilig! So wenig Zeit wie er immer hatte, lief er jetzt doch die ganze Brücke entlang unter erzählte die Märchen und sagte auch dabei, dass darin wahrscheinlich die Metzger und Viehhändler gesessen hätten. Jeder musste sich das von ihm anhören, beim Dritten sagte er schon, dass er das in Duisburg selbst gehört hätte und beim Vierten glaubte er alles schon selber.
Natürlich woaren de Frauen öm öhr Männer nu en de allergröttste Angst un fongen ahn te hüllen. Awwer soa gegen säß koamen die Mannlüdd löstig on fidel. Natürlich woar garnix passiert, als datt öhren Zog för Oberhausen wegen en kleein Stürung en halwe Stond op der Streck hadd liegen bliewen mötten. De Zog fuhr überhaup nit üwer die Hommericher Rhienbröck, datt woß de arme Ihlig awwer nitt. Natürlich waren die Frauen um ihre Männer nun in der allergrößten Angst und fingen an, zu heulen. Aber etwa gegen 18 Uhr kamen die Mannsleute lustig und fidel. Natürlich war gar nichts passiert, außer dass ihr Zug vor Oberhausen wegen einer kleinen Störung eine halbe Stunde auf der Strecke hat liegen bleiben müssen. Der Zug fuhr überhaupt nicht über die Homberger Rheinbrücke, das wusste der arme Eilig aber nicht.
En anger Kiahr koam he wier noh eeine Konden, öm en te rassieren, awwer en betschen läter als söß. Datt woar ’nen Bäcker, de oauch ömmer allerlei Dommheiten em Kopp hadd. De liawerden emmer Bruet nomm Hugenpoet.Ein andermal kam er wieder zu einem Kunden, um ihn zu rasieren, aber ein bisschen später als sonst. Das war ein Bäcker, der auch immer allerlei Dummheiten im Kopf hatte. Er lieferte immer Brot nach Hugenpoet.
He schengden et easch en betschen met dem aule Mann, datt he grad vandag so lat köem, de Baron hedd ald tweimol gescheckt, datt he sofort kumen söül, he möß met no Oberhusen, van de Bahn die weeil Dieren afteholen. „Wat es datt? Ja, wedd Ihr datt dann nitt, datt de Baron ’ne zoloogische Gaden enrecht? Die Isbeeren sind ald gestern Ohmend laat angkuamen on baul en Dutzend Apen.“ „Do weeit ech nix van af.“ Ja, on nu wöaren do noch Kameelen on Elefanten, die köünen se nitt op Wages laden on mössen se lädden, do soaul he beei hölpen, oauch noch völl anger Dieren. De Baron hedd datt bösher heeimlich gehaulen, äwwer am Sonndag wöed de zoloogische Gaden eröffnet, die Keefigen wöaren em Schloßgaden als seeid längerer Tied praat. Et söüll ’ne riesige Klimbimm gewen, die 39er van Düsseldorp stellden ganze Regimentskapell, en Pattie on Köllsch-Hännesken-Theater köamen oauch. De armen Ihlig! De ganze Bröck liap he op on af, datt gong dich emmer: „Wedderein ald, am Hugenpuet wädd so nu de zoloogische Gaden oauch am Sonnadag eröffnet?“ De Lüdd kangen öm jo nu all on wonnerden sech nit. Un den ein of angere vertaulden öm, he wöar grad am Esel gewees un hädd de Isbeeren om Wagen gesehn un wenigstens fifuntwentig Aapen, gruete un kleeine, getault. Vör de Bröck hadden se wier watt te lachen on et durden en tiedlang böß de aule Meeister Ihlig do henger koam, datt si‘enn wier ens gefoppt hadden.Er schimpfte zuerst ein wenig mit dem alten Mann, dass er gerade heute so spät käme, der Baron hat schon zweimal geschickt, dass er sofort kommen solle, er müsste mit nach Oberhausen, um wilde Tiere von der Bahn abzuholen. „Was ist denn das? Ja, wissen Sie das denn nicht, dass der Baron einen zoologischen Garten einrichtet? Die Eisbären sind schon gestern spät abends angekommen und fast ein Dutzend Affen.“ „Da weiß ich nichts von.“ Ja, und nun wären da noch Kamele und Elefanten, die sie nicht auf Waggons laden könnten und treiben müssten, dabei solle er helfen, und auch noch viele andere Tiere. Der Baron hätte das bisher geheim gehalten, aber am Sonntag werde der zoologische Garten eröffnet, die Käfigen wären im Schloßgarten schon seit längerer Zeit bereit. Es soll ein riesiges Aufheben geben, die 39er von Düsseldorf stellten eine ganze Regimentskapelle, eine Tanzgruppe und das Kölner Hänneschen-Theater kämen auch. Der arme Eilig! Die ganze Brücke lief er hinauf und herab, dann ging es immer: „Wisst ihr schon alle, auf Hugenpoet wird jetzt auch ein zoologischer Garten am Sonntag eröffnet?“ Die Leute kannten ihn ja schon und wunderten sich nicht. Und der eine oder andere erzählte ihm, er wäre gerade am Esel gewesen und hätte die Eisbären auf dem Wagen gesehen und mindestens fünfundzwanzig Auffen, große und kleine, gezählt. Vor der Brücke hatten sie wieder was zu lachen und es dauerte eine Zeit, bis der alte Meister Eilig dahinter kam, dass sie ihn wieder mal an der Nase herumgeführt hatten.
En ganz schlemm Stöck hant se awwer ens met öm gemackt on zwar woaren dat dösmol Kettwech’sche Rabauen, die geweß nie en Spierken besser gewest sein als die Bergscher. Datt woar sua: Setten do eeines Morges em Kaiserhoff ‚’nen Tropp fidele Borschen beim Fröhschobben on kuomen op die Idee, den arme Meeister Ihlig ens wier te utzen. Ne Plan hadden se oauch ald rasch beei der Hangd.Ein ganz schlimmes Spiel haben sie aber einmal mit ihm getrieben, und zwar waren das diesmal Kettwiger Rabauken, die bestimmt keinen Deut besser gewesen sind als die Berschener. Das war so: Saßen eines Morgens im Kaiserhof eine Gruppe fideler Burschen beim Frühschoppen und kamen auf die Idee, den armen Meister Eilig wieder einmal zu vorzuführen. Einen Plan hatten sie auch bald rasch bei der Hand.
Se scheckden also dem arme Mann durch sonnen Botejong nen Brieaf. De Jong hadd en feeine Liverree ahn, sonn kott Jäcksken met goldene Knöüp on en Kapp met en golden Boad. Se woßden, datt de Aul selwer gar nitt lesen koun, deshalb schriawen se grad. En dem Breaf stong nu, datt em Kaiserhoff soaewen en türkische Pascha angekoumen wöar. Weil dem sinne Leibbarbier plötzlich krank gewoaden wöar, söül öm deshalb de döchtigsten Rasierer fürlöüpig rasieren. He möß awwer sofort koamen. De Aul woß met dem Briaf nix antefangen on leep jau en de Nohberschafft on liat sich de für leasen. Em Rupprich hadd he sich sinn best Tüch angetrocken on ruderten af met Arm on Beein. Am Bröggenhüsken vertaul he natürlich tueasch, he möß nom Kaiserhoff on do ’ne türkische Pascha rassieren, weeil de nömmes angesch met en Metz an sech liat. De Lüdd woßden natürlich terreckt, watt de klock geschlagen hadd on woaren märr nöüschierig, watt do wier errutköem. Rasch woar he em Kaiserhoff, wo he ald an ’ne Dühr van ’ne gruaten Herr em schwatten Gehrock empfangen woed. De nohm en sech beei Sidd on seit öm, datt dat en utergewöhnliche Eahr föer öm wöer, märr dörf he em Goddsewellen keein Woad met dem Pascha spreeken, de verstöng überhaupt keein Dütsch on en de Türkeein do stöng Doadestroof drop, wenn er eeinen onopgefoddert de Pascha ahnspröek. Wenn he en awwer schniett, dann göng et öm schleit on he zeigden met de Hangd an de Kehl, datt hiasch, datt öm dann de Hals afgeschnieden wäden soaul. Dodrop woad he en en en anger Zemmer gebreid, wo de Pascha soat. Dat woar sonne meddelgruaten awwer ongeheuer dicke Kähl, de am Döesch soat. He hadd en roade Kapp op on ’ne roade Mantel oder völlmiehr Oemmhangk. Om Döesch loag ne Houpen Goldgeeild, dat woaren blankgeputzte Zahlmarken für de Kellners, dicke Büaker loegen om Döesch on eein hadd he opgeschlagen … Ihlig biawden noch miehr aß soß, he hadd awwer Glöck on so schniet he de Pascha märr tweimol on diat heimlich jau en Stöcksken Schwamm drop. Wenn de Kähl vam Pascha nitt sonn Vollmondsgesecht gehadd hädd, hädd dat met dem Schnieden völl schlemmer wiäden können.Sie schickten also dem armen Mann durch einen Botenjungen einen Brief. Der Junge hatte einen feinen Anzug an, ein kurzes Jäckchen mit goldenen Knöpfen und eine Kappe mit einer goldenen Borde. Sie wussten, dass der Alte selber gar nicht lesen konnte, darum schrieben sie auch. In diesem Brief stand nun, dass im Kaiserhof soeben ein türkischer Pascha angekommen wäre. Weil sein Leibwächter plötzlich krank geworden wäre, sollte ihn deshalb der tüchtigste Rasierer vorläufig rasieren. Er müsse aber sofort kommen. Der Alte wusste mit dem Brief nichts anzufangen und lief umgehend in die Nachbarschaft und ließ ihn sich vorlesen. Ohne Umschweife hat er sich seine besten Kleider angezogen und ruderte los mit Armen und Beinen. Am Brückenhäuschen erzählte er natürlich sofort, er müsse zum Kaiserhof und dort einen türkischen Pascha rasieren, weil er niemand anderen mit dem Messer an sich heranließe. Die Leute wussten natürlich direkt, wie die Uhr geschlagen hat und waren neugierig, was da wieder herauskäme. Rasch war er im Kaiserhof, wo er schon an der Tür von einem großen Herrn im schwarzen Gehrock empfangen wurde. Der nahm ihn sich zur Seite und sagte ihm, dass das eine außergewöhnliche Ehre für ihn wäre, aber er dürfe um Gottes Willen kein Wort mit dem Pascha sprechen, der verstände überhaupt kein Deutsch und in der Türkei stünde die Todesstrafe darauf, wenn jemand unaufgefordert den Pascha anspräche. Wenn er ihn aber schnitt, dann ginge es ihm schlecht und er zeigte mit der Hand an die Kehle, das hieß, dass ihm dann der Hals abgeschnitten werden sollte. Daraufhin wurde er in ein anderes Zimmer gebracht, in dem der Pascha saß. Das war ein mittelgroßer, aber ungeheuer dicker Mann, der am Tisch saß. Er hatte eine rote Kappe auf und einen roten Mantel oder vielmehr Umhang. Auf dem Tisch lag ein Haufen Goldgeld, das waren blankgeputzte Zahlmarken für die Kellner, dicke Bücher lagen auf dem Tisch und eines hatte er aufgeschlagen. … Eilig bibberte noch mehr als sonst, er hatte aber Glück und so schnitt er den Pascha nur zweimal und tat heimlich schnell ein Stückchen Schwamm darauf. Wenn dieser Kerl von Pascha nicht so ein rundes Gesicht gehabt hätte, hätte es mit dem Schneiden viel schlimmer werden können.
Als he glöcklich praat woar, moß de schwatte Kammerherr oder Minister, wat he sinn maut, dem Pascha ’ne Spiegel fürhaulen. He woar grad nitt ungnädig, dräuden awwer ‚’mem Fenger. Ihlig mackden jau, datt he erutkoam. Terbutten nohm öm de Kammerherr on breit en en datt Restorationszemmer, wo ald en Frühstück für Ihlig bereitstong. Dat diaden die Fülk wier met Absicht, weeil se woßden, datt öm de Kohlen onger de Füat brangten, datt he sinn Abenteuer an de Lüdd widdervertellen koaun. He moß iasch twei Botteren opeten on en Glas Bier drenken. Dodrop döauden öm de Kähls ’nen Dahler en de Hangk on Ihlig woar entlassen.Als er glücklich fertig war, musste der schwarze Kammerherr oder Minister, was er auch sein mag, dem Pascha einen Spiegel vorhalten. Er war nicht gerade ungnädig, drohte aber mit seinem Finger. Eilig machte schnell, dass er fortkam. Dort draußen nahm ihn der Kammerherr und brachte ihn in den Speisesaal, wo schon ein Frühstück bereitstand. Das taten die jungen Herren wieder mit Absicht, weil sie wussten, dass ihm die Kohlen unter den Füßen brannten, dass er seine Abenteuer an die Leute weitererzählen kann. Er musste erst zwei Butterbrote aufessen und ein Glas Bier trinken. Daraufhin drückten ihm die Kerle einen Taler in die Hand und Eilig war entlassen.
En sinnem Stolz hädd he nu met keeinem Menschen op de Aed getuscht. We he märr ewes kang, moß nu hüren, datt se en Kettwich keeinen besseren Rassierer als öm hädden. De Pascha, dat wöar en ongeheuer rieke Mann, do hädden millionen om Dösch gelegen, he wöer grad am Regieren gewest. Sovöll he erutgekreegen hädd, woul he Scheidts Fabrik koaupen, wöar awwer noch nitt ganz eeingig on dann waul he van hei no Essen on Krupp sinn Fabrik oauch koaupen. Widder hadd he nix erutbringen können. He hädd ‚’ne wunderbaren goldgesteckten Purpurmatel ömmgehadd – datt woar en aul Döschdeck – en Kroan hädd he zwar nitt opgehadd, he mennden awwer, et hädd er eein om Stohl gelegen. Et durden üwer en Stonk, böß he üwer de Bröck woar on nu tradden he sin Rundreise för de Bröck ahn. Datt gong dich, „wedderet ald,“ op die bekangde Aat. Natürlich woar datt baul em ganzen Dörp rongd. Wenn er eeine märr anfangen waul, datt dat wier Schwindel wöar, dann woad he ald geftig. Am angeren Dag stong die Geschichte natürlich en de Kettwech’sche Zeeitung, on als se öm die vörloosen, do merkden he endlich, datt sienn wier gefoppt hadden.In seinem Stolz hätte er nun mit keinem Menschen auf der Welt getauscht. Wer ihn nur etwas kannte, musste jetzt anhören, dass sie in Kettwig keinen besseren Rasierer als ihn hätten. Der Pascha, das sei en ungeheuer reicher Mann, da hätten Millionen auf dem Tisch gelegen, er wäre gerade beim Regieren gewesen. Soweit er herausbekommen hätte, wollte er Scheidts Fabrik kaufen, sie wären aber noch nicht ganz einig und dann wollte er heute noch nach Essen und die Krupp‘sche Fabrik auch kaufen. Mehr hat er nicht herausfinden können. Er hätte einen wunderbaren goldbestickten Purpurmantel umgehabt – das war ein altes Tischtuch – eine Krone hatte er zwar nicht auf, er meine aber, es hätte eine auf dem Stuhl gelegen. Es dauerte mehr als eine Stunde, bis er über der Brücke war und nun trat er seine Rundreise vor der Brücke an. Das ging wieder so, „wisst ihr es schon,“ auf altbekannte Weise. Natürlich ist das bald im ganzen Dorf rundgegangen. Wenn nun jemand davon anfangen wollte, dass das wieder ein Schwindel war, da wurde er ganz schön wütend. Am nächsten Tag stand die Geschichte natürlich in der Kettwiger Zeitung, und als sie ihm daraus vorlasen, da merkte er endlich, dass sie ihn wieder angeschmiert hatten.
Angere verständige Lüdd awwer, die sich dodrüawer ärgerden, datt die Kettwech’schen öhren Ihlig verhohniebelt hadden, holpen öm, datt he sich glänzend rewanschieren koaun on doför langden grad de Dahler, die se öm gegewen hadden. En de nächste Nommer van de Kettwech’sche Zeitung stong te lesen: „Zum Rassieren von türkischen Paschas und anderen Schafsköpfen halte ich mich auch fernerhin bestens empfohlen. Hochachtungsvoll N.N.“ Dößmol woar önnen Meeister Ihlig zemmlich Baas gebliewen.Andere verständnisvolle Leute aber, sie sich darüber ärgerten, dass die Kettwiger ihren Eilig veralbert hatten, halfen ihm, dass er sich glänzend revanchierten konnte und dafür reichte gerade der Taler, die sie ihm gegeben hatten. In der nächsten Ausgabe der Kettwiger Zeitung stand zu lesen: „Zum Rasieren von türkischen Paschas und anderen Schafsköpfen halte ich mich auch weiterhin für bestens empfohlen. Hochachtungsvoll N.N.“ Diesmal hat Eilig ihnen gezeigt, wer der Meister ist.

aus: „RuSaKeWe, Alte und neue Texte in den Mundarten der unteren Ruhr bei Ruhrort, Saarn, Kettwig und Werden“ von Franz Firla, erschienen 2008 in der Buchhandlung Hilberath & Lange zu Mülheim an der Ruhr, Seiten 98 bis 103, erstmals veröffentlicht in der Kettwiger Zeitung am 13.10.1928, erschienen im Verlag von Friedrich Flothmann zu Kettwig

Originaltext in Laupendahler Mundart, übertragen ins Hochdeutsche von Marc Real


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