Plaudereien zwischen zwei Nachbarsfrauen


Aus Elberfeld stammt dieses Gespräch zweier Nachbarinnen, die sich über die neue Mode ihrer Zeit auslassen.

Im Jahre 1854 wurde diese Erzählung vom Kölner Sprachforscher Johann Matthias Firmenich-Richartz als Beispiel für die in Elberfeld gesprochene Mundart in die umfangreiche Sammlung deutscher Dialekte „Germaniens Völkerstimmen“ aufgenommen.

Damit Sie dieses Gespräch bestmöglich verstehen können, finden Sie rechts neben dem Text in Mundart die hochdeutsche Übertragung.

Kallroten töschen twai Nobers-Wiwer

A: „Seg, Mann, tau deck en betschen met dem Eten, gliek kömmt us Frau Nobersche. Haha! Do klopt se ald! Wos du ens ewen de Döar open maken?“A: „Sag, Mann, beeile dich ein bisschen mit dem Essen, gleich kommt unsere Frau Nachbarin. Haha! Da klopft sie schon! Willst du mal eben die Tür aufmachen?“
B: „Goden Nowend tesaamen!“B: „Guten Abend zusammen!“
A: „Goden Nowend, Frau Nobersche! Soa, dat es räit, dat I us ens en betschen besökt; sätt au der, gliek kockt ät Water, dann well eck us ock ä Köppken Koffe opschödden. Nu säit meck ens, hant gät enke Ädäppel all‘ uut gekriegen?“A: „Guten Abend, Frau Nachbarin! So, das ist recht, dass Ihr uns mal ein wenig besucht; setzt euch dorthin, gleich kocht das Wasser, dann will ich uns auch ein Tässchen Kaffee aufschütten. Nun sagt mir mal, habt ihr eure Kartoffeln alle aufbekommen?“
B: „Ne, noch nit all‘, vie hant noch üwer en Veadel Sessig uuttemaken; eck glöv öwer doch, dat die Käulde gebroken es, wel dat ät anfängt te renen.“B: „Nein, noch nicht alle, wir haben noch über ein Viertel Sechzig auszumachen; ich glaube aber doch, dass die Kälte gebrochen ist, weil es anfängt zu regnen.“
A: „Eck glöv ät met, on ät es ock räit guut, sös liet noch völl Tüeg Noad, wat noch en den Gädens es. Säit ens, häf I ock hie us Frau Nobersche gesehn, wat die fön Möttsche oppen hadt?“A: „Ich glaube es mit, und es ist auch recht gut, sonst leidet noch viel Zeug Not, was noch in den Gärten ist. Sagt mal, habt Ihr auch unsere Frau Nachbarin hier gesehen, was sie für eine Mützchen auf hat?“
B: „Jo, dat es woar, do häf eck meck em häagsten üwer verwongert, sonn Möttsche kömmt der doch nit tu, denn wat woren do nit fönn staadse Kanten anen, on doby woar se so bred üwer en gepload; wä mag die wall gemakt hann?“B: „ Ja, das ist wahr, da habe ich mich am Höchsten drüber verwundert, so eine Mütze steht der doch nicht zu, denn was waren da nicht für prächtige Spitzen dran, und dabei war sie so breit darüber gefaltet; wer mag die wohl gemacht haben?“
A: „Dat weet eck nit, mär meck dönkt doch, se woar egentlich nit stark genogt gestieft, on so pläckigt gebläut.“A: „Das weiß ich nicht, aber ich glaube doch, sie war eigentlich nicht stark genug gestärkt und so fleckig gebläut.“
B: „Dat heet meck ock gedaut, jo, wann eck ät räit sall säien, ät göwt Wiwer, die wären met der Tied so hoffärig, dat se stenken; sonn Frau die küün ock wall en bonte Kappe dregen, denn ät es noch nit lang verlieden, do gong se noch em Dagloan, mär so lang as sie bestadt es gewesen, kennt se seck sälver nit mea.“B: „Das habe ich mir auch gedacht, ja, wenn ich es ehrlich sagen soll, es gibt Frauen, die werden mit der Zeit so eingebildet, dass sie stinken; so eine Frau, die könnte wohl auch eine bunte Kappe tragen, denn es ist noch nicht lange vergangen, da ging sie noch im Tagelohn, aber so lange wie sie verheiratet gewesen ist, kennt sie sich selber nicht mehr.“
A: „Jo, on se wären doch geweß Last häfwen, dat sie dössen Martin de Paite betalen. Geweß Jo! Frau Nobersche; eck häf nu ald so lang Möttschen gedregen, doch scheu eck meck noch, sie met doublen Touren maken te loten, eck sie bang, die Lüed mäuten dervan kallen.“A: „Ja, und sie werden doch gewiss viel Arbeit haben, dass sie diesem Martin die Pacht bezahlen. Gewiss ja! Frau Nachbarin; ich habe nun schon so lange Mütze getragen, doch scheue ich mich noch, sie mit doppeltem Rand machen zu lassen, ich fürchte, die Leute müssten darüber reden.“
B: „Jo, dat mag sear leite, denn eck hadt nu ens den Duuk gät lank gesteken, do kallden sie des angern Dags ald van, eck sie freilig ald gät ault, mär ät geht doch nit vöär, wä me ömmer ordentlich op sie Liew es.“B: „Ja, das geht sehr leicht, denn ich hatte nun einmal das Tuch etwas lang gesteckt, da redeten sie am nächsten Tag schon von, ich bin in der Tat etwas alt, aber es spricht doch nichts dagegen, wenn man immer ordentlich angezogen ist.“
A: „Dat säi eck met, Frau Nobersche! Mär wat dönkt au wall, wie jetzonder die Weiter die Düüke steken, mä süül menen, sie küünen kennen Odem kriegen, on die Düüke mäuten hengen on vöar territen.“A: „Das sage ich auch, Frau Nachbarin! Aber was glaubt Ihr wohl, wie heutzutage die Frauen die Tücher stecken, man sollte meinen, sie könnten keine Luft bekommen und die Tücher müssten hinten und vorne reißen.“
B: „Wat well dat säien, Frau Nobersche, ät es nu Muude; wie eck noch jong woar, Gott noch oh! Wenn eck do an denk, do drugen sie noch Reiliewer, mär do süül mä jetzonder ens van kallen, ön dä der nu eent an dät, dä wöar van ongen bis bowen uutgelagt.“B: „Was hat das zu sagen, Frau Nachbarin, es ist jetzt Mode; als ich noch jung war, Gott noch oh! Wenn ich so daran denke, da trugen sie noch Schnürmieder, aber sollte man heute mal davon sprechen, und wer davon nun eines an hätte, der würde von unten bis oben ausgelacht.“
A: „Do häf I wall Räit ennen, Frau Nobersche, on doby woar dat nit noch än nätte Dragt met den Wölzen, do bruckten vie angers nicks tu, äs den Striekbord on än Wolz, mär jetzonder mötten die jong Fraulüed Kaim hann, wo Täng aanen sind wie Mestgaffeln, öm die Flauten optesteken, on dat hant sie se noch derby gesplieten.“A: „Da habt Ihr wohl Recht drin, Frau Nachbarin, und dabei war das nicht wirklich eine nette Tracht mit den Stoffwulsten, da brauchten wir nichts Anderes zu, als die Strickborde und eine Wulst, aber heutzutage müssen die jungen Frauen Kämme haben, wo Zähne dran sind wie Mistgabeln, um die Quasten aufzustecken und dann haben sie diese noch dazu geteilt.“
B: „Jo, Frau Nobersche, dat Sprükword heth: „die Hoor gesplieten, on dat Hömden territen“, lof vie by usser aulen Muuden bliewen, vie hant jo soa ald ussen Deel – dat es ät beste, Frau Nobersche, eck säi ock manigmool gegen my Mann, du mags meck so wall lieden, wann eck ock nit die Hoor gesplieten häf. Denn seat hä, dat duh eck ock.“B: „Ja, Frau Nachbarin, das Sprichwort heißt: die Haare gescheitelt, und das Hemd zerrissen“, lasst uns bei unserer alten Mode bleiben, wir haben ja so schon unseren Teil – das ist das beste, Frau Nachbarin, ich sage auch manchmal zu meinem Mann, du magst mich auch so gut leiden, wenn ich nicht die Haare gescheitelt habe. Dann sagt er, das tu ich auch.“
A: „I häft geweß en guden Mann, Frau Nobersche.“A: „Ihr habt gewiss einen guten Mann, Frau Nachbarin.“
B: „Dat häf eck ock noch; wie eck van Nowend hiehen gonk, do säit eck äm, dat hä brav wiegen mäut, do säit hä, dat wüül hä ock donn.“B: „Das habe ich auch tatsächlich; als ich heute Abend hierhin ging, da sagte ich ihm, dass er brav wiegen müsse, da sagte er, das wolle er auch tun.“
A: „Nu drenkt doch noch een, Frau Nobersche, sätt noch ens op!“A: „Nun trinkt doch noch einen, Frau Nachbarin, ich setze noch einmal auf!“
B: „Ne geweß, eck säi Dank, ät es nu ock Tied, dat eck heem goh, ät es nu baul elf Uhren, mynen Mann mäut schlöprig wären, on dä Jong mag wall gään die Mämm häfwen wellen, wuwahl heet hä se om siewen Uhren noch gehadt. Eck säi verearst Dank för die Koffe, hault se baul wieder; gode Näit, Frau Nobersche!“B: „Nein gewiss, ich sage Danke, es ist nun auch Zeit, dass ich heim gehe, es ist nun bald elf Uhr, mein Mann müsste schläfrig werden, und der Jung mag wohl gerne den Busen haben wollen, wiewohl er sie um sieben Uhr noch gehabt hat. Ich sage vorerst Dank für den Kaffee, haltet ihn bald wieder; gute Nacht, Frau Nachbarin!“
A: „Nicks te danken; dat sall geschehn. Gode Näit, Frau Nobersche, angenehme Ruh!“A: „Nichts zu danken; das soll geschehen. Gute Nacht, Frau Nachbarin, angenehme Ruhe!“
B: „Gliekfalls!“B: „Gleichfalls!“

aus: „Germaniens Völkerstimmen, Sammlung der deutschen Mundarten in Dichtungen, Sagen, Märchen, Volksliedern“ von Johannes Matthias Firmenich-Richartz, Erster Band, erschienen 1854 in der Schlesinger’schen Buch- und Musikhandlung zu Berlin, Seiten 429 bis 430

Originaltext in Elberfelder Mundart, übertragen ins Hochdeutsche von Marc Real


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