D‘r Orjelskeerl es doh

Der Orgelspieler ist da


Aus Ohligs stammt diese Erzählung von einem Drehorgelspieler.

Im Jahre 1930 wurde dieser Text in das Buch „Mundart und Schule im niederfränkischen Sprachgebiete Deutschlands“ aufgenommen und dient als Beispiel für das Ohligser Platt.

Geschrieben wurde diese Geschichte vom Ohligser Schüler Paul Mauracher am Anfang des 20. Jahrhunderts. In einigen Schulen der preußischen Rheinprovinz wurde es guten Schülern gestattet, auch mundartliche Aufsätze zu verfassen.

Dazu führen die Autoren Paffen und Veumann aus: „Wir haben Dialektaufsätze im 8. Schuljahr stets nur als Belohnung tüchtigen und strebsamen Schülern gestattet, selbstverständlich nur solchen, die in der hochdeutschen Rechtschreibung so sicher und sattelfest geworden waren, daß sie nicht viel mehr zu gewinnen und vor allem – und das ist ja der von Gegnern angeführte Hauptgrund gegen das Schreibenlassen von mundartlichen Stoffen – nichts zu verlieren hatten. […] Nie war die Freude größer, und nie haben solche Schüler lieber ihre Hausaufgaben angefertigt, als gerade dann, wenn ein mundartliches Thema nach freier Wahl zur schriftlichen Bearbeitung anheimgestellt wurde.“

Damit Sie diese Erzählung bestmöglich verstehen können, finden Sie rechts neben dem Text in Mundart die hochdeutsche Übertragung.

D‘r Orjelskeerl es doh

Ech stonn op d‘m Schötzenfail, doh kütt ne Keerl met ner Orjel op ner wackelijen Kaar. Hee hödd terreetene Kle-ider an on nen bre-itrandijen Hot op. Sinne lange Schnäuzer hängt op d‘m Schtoppelbaat, en d‘m sech Prümmtebacksse-iwer v‘rloupen hädd. Jetz schpellt hee op d‘r Orjel datt Leed: „Wo sind deine Haare? August, August!“ Doh ze-igen de Lütt lachend op sinne Bart. Äs hee an die Stell kütt, „mit 7 Haaren hält das schwer“, nömmt de Orjelskeerl die Kapp aff, ömm Jaild entesammeln. Doh fongen die Lütt lout an te lachen. Ich stehe auf dem Schützenplatz, da kommt ein Kerl mit einer Orgel auf einem wackeligen Wagen. Er hatte zerrissene Kleider an und einen breitrandigen Hut auf. Sein langer Schnäuzer hängt auf dem Stoppelbart, in den sich Kautabaksreste verlaufen haben. Jetzt spielt er auf der Orgel das Lied: „Wo sind deine Haare? August, August!“ Da zeigen die Leute lachend auf seinen Bart. Als er an die Stelle kommt, „mit 7 Haaren hält das schwer“, nimmer der Orgelspieler die Kappe ab, um Geld einzusammeln. Da fingen die Leute laut an, zu lachen.
De Keerl hädd bluß ’n paar Hoor, die hee von e-iner Sidden op d‘ anger jekaimt hadden. Sinn Böx es em völl te lang. Se hängt em op de Be-inen on hädd Faulen wie ne Quetschbüdel. Doh jeihd op e-imol en d‘r Nohb‘rschaft e Fenster op, on en Frau schmitt d‘m Orjelskeerl ‚n paar Schtöcker Kofferjaild erut. E-in Jaildschtöck fail per Ojlöck en d‘ Jreute. Wie de Keerl dat Jaild opjesöckt hädd, jött hee sech en d‘r Jreute an‘t Söken. Hee krohst an d‘m Schmotterkies eröm, on wie hee dat Jaild jefongen hädd, schüwd hee met d‘r Orjel aff. Kott dropp je-iht hee en d‘ Wiertschaft on versüppt dat Jaild.Der Kerl hatte bloß ein paar Haare, die er von einer Seite zur anderen gekämmt hatte. Seine Hose ist ihm viel zu lang. Sie hängt ihm an den Beinen und hatte Falten wie eine Ziehharmonika. Da geht auf einmal in der Nachbarschaft ein Fenster auf und eine Frau schmeißt dem Orgelspieler ein paar Stücke Koffergeld hinaus. Ein Geldstück fällt im Unglück in den Straßengraben. Als der Kerl das Geld aufgelesen hat, begab er sich im Straßengraben ans Suchen. Er kramte im Schotterkies herum, und als er das Geld gefunden hat, schob er mit der Orgel ab. Kurz darauf geht er in die Wirtschaft und vertrinkt das Geld.
Paul Mauracher, OhligsPaul Mauracher, Ohligs

aus: „Mundart und Schule im niederfränkischen Sprachgebiete Deutschlands – Ein Heimatbuch für Freunde der Volkssprache am Niederrhein und im Niederbergischen“ von Karl Paffen und Peter Veumann, erschienen 1930 im Führer-Verlag zu Gladbach-Rheydt, Seite 152

Originaltext in Ohligser Mundart, übertragen ins Hochdeutsche von Marc Real

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