Der 21. Februar als Internationaler Tag der Muttersprache

Banner für den Tag der Muttersprache

Jährlich am 21. Februar ruft die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, UNESCO, den Internationalen Tag der Muttersprache aus. Er soll auf den großen sprachlichen Reichtum der Welt aufmerksam machen und im Besonderen vom Aussterben bedrohte Sprachen hervorheben. Dieser Thementag wird seit dem Jahr 2000 begangen und wurde auf Vorschlag des Staates Bangladesch eingeführt.

Im Folgenden möchte ich auf die persönliche Bedeutung der Muttersprache für die menschliche Kulturgeschichte eingehen. Gerade die Etablierung einer deutschen Standardsprache im Gegensatz zu den vielen regionalen Mundarten, die sich oft schon von Ort zu Ort deutlich unterscheiden, wird besonders betrachtet.


Ein Spaziergang am Waldesrand

Am Waldesrand gehen eine junge Mutter und ihr kleines Kind auf einen Spaziergang. Es gibt dort viel zu sehen, die vielen Bäume und Blätter und bunten Farben des Feldes glänzen im kräftigen Sonnenschein. Ihr Weg führt sie einen Bachlauf entlang, der sich durch das Auf und Ab der Landschaft bahnt. Darin liegen versteckt im Bett des Gewässers große und kleine Steine, Äste und einige Fische halten gegen den Strom. Für das Kind sind es viele neue Eindrücke. Kaum kann es erwarten, seine Freude mit der Mutter zu teilen.

Seitdem dieser kleine Mensch geboren war, gab es immer neue Eindrücke von dieser Welt, die so neu war und so fremd. Die ersten Laute werden imitiert und mit den ersten Worten kommen auch die ersten Fragen. „Da,“ ruft es zur Mutter und deutet auf eine Buche, die für die kleinen Augen schier endlos lang in den Himmel ragt. „Döt, min Kleen, döt nömmt me Heister! Dat es nit so en staatzet Bömken, ewer wahl reit lang on dürr. On spetze wet sinn de Stöackskes, dat döarfse nit vergäten. Em Herfs, wann et all drüg wäd, dragent se flatschroate Bläder.“ Bei jedem Satz zeigt die Mutter auf den Baum und seine Glieder. Erst von oben nach unten auf die ganze Buche. Dann zu den dünnen Ästen und zum Schluss in die Krone mit ihren vielen Blättern, die ja im Herbst ganz rot werden. „Heister“ ruft das Kind und lacht bei jeder neuen Buche, die sie jetzt bei ihrem Namen kennt.

Diesen Baum und vieles andere Neue hat unser Kind nun beim Namen gelernt. Sie sprechen beileibe nicht selbst und können sich nicht mit eigenen Worten vorstellen. Stattdessen haben die Menschen um sie herum einen großen Handwerkskoffer entwickelt, um die Dinge der wirklichen Welt und der Vorstellung mit eigenen Lauten wiederzugeben, also zu benennen. Viele Menschengruppen durchquerten die Welt als Familien, Stämme oder später Völker. Wirkliche und abstrakte Dinge erhielten ihren Klang, ein beschreibendes Wort, damit sich die Menschen eindeutig verständigen konnten.

Entstehung der Sprachen

Die immer weiter anwachsenden Gruppen teilten sich allmählich in kleinere auf. Zwischen diesen neuen Gruppen kam es zu sprachlichen Unterschieden, bis sie sich im Laufe der Jahrhunderte immer schwerer verständigen konnten. Sei es durch neue Worte für die neue Umgebung oder durch fremde Sprachen, die ihren kulturellen Einfluss auf andere ausübten.

Mit der Schrift wurde das gesprochene Wort erstmals sichtbar und dauerhaft festgehalten. Abmachungen wurden aufgeschrieben und nachprüfbar, Geschichten erzählen vom Alltag oder der Fantasie früherer Zeiten und Ideen konnten unabhängig vom einzelnen Menschen soweit getragen werden, wie die Schrift verstanden wurde. Und die Worte, die durch sie geschrieben stehen. Hier beginnt die tatsächliche Sprachgeschichte. Ein gesprochenes Wort verfliegt mit dem Atem, der es erzeugt. Die älteste bekannte und dechiffrierte Schrift hingegen ist vor mehr als 5000 Jahren entstanden und macht diese Zeit für uns Heutige wieder lebendig. Der Inhalt sumerischer Tontafeln gestattet uns einen kleinen Einblick in das damalige Leben. Der echte Klang dieses Lebens bleibt uns jedoch verborgen, weil wir zwar die Buchstaben sehen, die Tonlängen sozusagen, aber nicht die genaue Aussprache kennen, die Tonhöhen. Wir kennen vielleicht den Rhythmus, aber nicht die Melodie.

Der Klang der Heimat

Sprachen werden durch ihren Klang erst charakteritisch, hart, weich, melodisch oder gleichförmig beispielsweise. Und zur eigenen Muttersprache, der Sprache ihrer frühesten Erinnerungen, haben viele Menschen eine ganz besondere Verbindung. Was genau sie in ihren Augen besonders macht, ist ihr vertrauter Klang. Die Worte, die den Menschen als erste mitgegeben wurden, bleiben oft auch die letzten eines Lebens. Sie geben den Gedanken vom Anfang bis zum Ende ihre sprachliche Form. Fremdsprachen sind erst einmal unbekannt und müssen erst mühsam in die Muttersprache übertragen werden, um sie zu verstehen. Den Ansatz, um eine neue Form zu beschreiben, gibt wieder die Muttersprache vor.

Im Laufe der Zeit können sich wie beschrieben die sprachlichen Konventionen ändern. Es kann sich durch gesellschaftliche Veränderungen eine neue Umgangssprache etablieren. Wenn die vorherige verdrängt wurde, etabliert sich diese als neue Muttersprache der darauffolgenden Generationen. In früheren Zeiten war dies durch Völkerwanderungen, Kriege oder kulturelle Dominanz einer anderen Sprache der Fall. Der Buchdruck mit beweglichen Lettern führte ab 1450 zur stärkeren Verbreitung literarischer Hochsprachen, der Schriftsprachen. Wo das Druckhandwerk auf rege intellektuelle Tätigkeit stieß, kam es zu vermehrten Buchdrucken, die kaufkräftige Abnehmer finden wollten. Entsprechend groß war der Bedarf nach einer allgemein verständlichen Hochsprache, die in möglichst weiträumig verstanden werden sollte, um Abnehmer zu finden und so neue Ideen zu verbreiten.

Die deutsche Sprache zur Zeit Luthers

Im als „deutschsprachig“ bezeichneten Raum hat gerade die Reformation ab 1517 als eine erste Standardsprache etabliert, sollte das Wort Gottes doch dem breiten Volk zugänglich gemacht werden, um einen Missbrauch durch Unwissenheit zu erschweren. Die Bibelübersetzung Martin Luthers zeichnet sich durch eine Ausgleichssprache aus, die vor allem Elemente der mittel- und oberdeutschen Sprachen, besonders aus dem heutigen Thüringen und Sachsen aufweist. Hier war es wohl auch seiner eigenen Muttersprache zu schulden, dass genau diese Färbung das heutige Hochdeutsche besonders geprägt hat.

Das kulturelle Zentrum des in unzählige Klein- und Kleinststaaten zersplitterten Heiligen Römischen Reichs lang seinerzeit lag vor allem im oberdeutschen Raum, etwa in Städten wie Nürnberg und Augsburg. Agrarisch geprägte Regionen wie Schwaben, Hessen, das Rheinland oder das Münsterland wiesen kein übermäßiges literarisches Schaffen auf und waren somit für die Entwicklung der hochdeutschen Standardsprache von geringerer Bedeutung. Die Lesefähigkeit war zudem auf einen sehr kleinen Personenkreis beschränkt. Der Großteil der Bevölkerung bestand aus Bauern unter hoher Abgaben- und Arbeitslast.

So ist es auch zu erklären, dass, je weiter sich man vom Entstehungsort der Bibelübersetzung entfernt, auch die sprachlichen Unterschiede zu dieser sehr lokal geprägten Schrift zunehmen. Mit der Zeit etablierte sie sich als Sprache der Bildung und Kultiviertheit und wurde zur begehrten Umgangssprache für bürgerliche Familien, um sich von der niederen Bevölkerung abzugrenzen.

Grenzgänger durch die Sprachgebiete

In anderen Teilen des heutigen Deutschlands hat sich hingegen bis in das 19. Jahrhundert eine andere Standardsprache etabliert: das Niederländische. In vielen nord- und westdeutschen Landschaften werden bis heute niederdeutsche und niederfränkische Mundarten gepflegt, die eine weitaus größere Ähnlichkeit zur niederländischen Schriftsprache aufweisen. Die wirtschaftliche Blüte der Sieben Vereinigten Provinzen führte zu einer literarischen Blüte, die sich auf die nahegelegenen Staaten mit ähnlichen Umgangssprachen auswirkte. Dort herrschte kein vergleichbares Schaffen, so dass sich das Niederländische als Bibel- und Bildungssprache etablierte.

Erst 1815 änderte sich das in großen Teilen des Rheinlandes, als die lokalen Herrschaften durch die preußische Verwaltung abgelöst wurden. Hier beginnt eine Zäsur für die alte Muttersprache der Region, den niederdeutschen und niederfränkischen Mundarten. Als Sprache der preußischen Bildung genoss das Hochdeutsche aus Berliner Sicht großes Prestige und sollte in den neuen Provinzen mit ihrer für sie unverständlichen Sprache ebenso etabliert werden. Durch Schule, Verwaltung und Kirche zog es immer mehr in den Alltag der Menschen ein. In den sozial und wirtschaftlich besser gestellten Milieus lief die Übernahme des Hochdeutschen meist schneller ab, um ihren gesellschaftlichen Status auch im neuen System zu erhalten.

Der Großteil der Bevölkerung hielt bis ins Zeitalter des Massenmedien meist an ihrem Platt fest, waren die vielen unterschiedlichen Ortsmundarten doch Ausdruck der heimatlichen Verbundenheit und schlicht die allseits akzeptierte Sprache, die überall zu hören war. Hier wurde die Abgrenzung zum Hochdeutschen besonders deutlich, war es doch meist geschrieben und selten ohne regionale Färbung gesprochen worden. Durch den industriellen Aufbruch im 19. Jahrhundert und die Entstehung von Flächenstaaten ohne Zollschranken kam es vermehr auch zu Umzügen quer durch die deutschen Staaten, die neue sprachliche Färbungen in die Regionen brachte. Zur Verständigung mit den Zugezogenen wurde das bekannte Hochdeutsch verwendet, sofern es gewollt war. Meist erwartete die einheimische Bevölkerung das Erlernen der eigenen, örtlichen Mundart.

In Regionen wie dem Ruhrgebiet war es durch den massiven Zuzug von Menschen aus anderen Dialektgebieten schon um 1900 zur Entstehung einer auf dem Hochdeutschen basierenden Regionalsprache gekommen, die nicht mehr viel mit den alten rheinischen und westfälischen Mundarten gemeinsam hat. Gleichermaßen sind im 19. Jahrhundert auch Gegenbewegungen entstanden, die den Dialekt als besonders bodenständige und volkstümliche Ausdrucksweise im Alltag erhalten wollten. Zu dieser Zeit ist eine erste umfangreiches mundartliche Literatur entstanden.

Eine Standardsprache für alle Ohren

Eine weitere Verbreitung eher hochdeutscher Umgangssprachen sollte im Alltag allerdings erst mit dem Einzug des Radios ab 1920 erfolgen, so dass neben dem alten Dialekt auch die gehobene Schriftsprache erstmals flächendeckend auch zu hören war. Die neue Aussprache wurde zur sozial akzeptierten und begehrten Norm. Der wirtschaftliche Status der Hochdeutschsprecher war oft besser und sollte für die Familien zugänglicher werden. Während der nationalsozialistischen Herrschaft fand der erschwingliche Volksempfänger als Propagandainstrument Einzug in viele Haushalte, was die Versorgung mit hochdeutschen Radioprogrammen zusätzlich erhöhte. Auch das Kino fand große Beliebtheit und wählte die bekannte Standardsprache, um möglichst viele Zuschauer im ganzen deutschsprachigen Raum zu erreichen.

Nach dem zweiten Weltkrieg sorgte der Zustrom von mehr als zehn Millionen Menschen aus den ehemaligen ostdeutschen Gebieten Ostpreußen, Pommern und Schlesien für die weitere Durchsetzung des Hochdeutschen, da sie den regionalen Mundarten ihrer neuen Wohnorte nicht mächtig waren. Zur Verständigung mit den etwa 40 Millionen anderen Deutschen kam nur die Standardsprache in Betracht. Mit dem wirtschaftlichen Aufbruch der Nachkriegszeit wurde das Fernsehen ein beliebtes, wenn auch kostspieliges Unterhaltungsgerät. Das Gefühl des Aufbruchs in eine neue Zeit mit ihren technologischen Möglichkeiten brachte der Mundart den Ruf einer überkommenen, rückständigen Sprache ein, die dem moderneren Hochdeutschen nichts entgegensetzen könnte.

Die Mundart macht Geschichte lebendig

Eingangs begleiteten wir eine Mutter und ihr Kind bei ihrem Waldspaziergang. Ihre Muttersprache ist die Mundart. Das gilt heute noch für viele vornehmlich ältere Mitmenschen, für die sie Ausdruck ihrer Erinnerungen, Gefühle und Gedanken ist. Diese Muttersprache wurde allmählich verdrängt und findet sich im Gedächtnis vieler jüngerer Menschen nicht einmal als wage Erinnerung. Sie wird von Vereinen und mundartlichen Gesellschaften noch hingebungsvoll gepflegt, doch scheint es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie durch den Tod der letzten Sprecher völlig in Vergessenheit gerät. Das sprachliche Erbe von Jahrhunderten mit all ihren vielfältigen Ausdrücken, für die es oft keine standardsprachliche Entsprechung gibt, droht verloren zu gehen.

Auf diesen Seiten möchte ich Ihnen eine Entdeckungsreise anbieten zu den vielen Geschichten aus einem historischen Alltag, dessen Ablauf uns noch recht nah erscheint, dessen sprachlicher Ausdruck uns hingegen meist unbekannt ist. Viele der eigentümlichen Ausdrücke haben sich in der regionalen Umgangssprache noch erhalten und führen uns zurück in eine Zeit vor gerade einmal zwei Generationen, in der eine für heutige Ohren völlig andere Sprache in den Straßen und Häusern zu hören war. Die Geschwindigkeit dieser Zeitenwende ist eine ganz einschneidende Erfahrung für viele Menschen gewesen, die zum Ende ihres Lebens zwar noch ihre alte Muttersprache im Herzen tragen, damit aber nicht mehr verstanden werden.

Zum Internationalen Tag der Muttersprache bemüht sich die UNESCO darum, auf den sprachlichen Reichtum der vielen Menschen auf der Welt hinzuweisen. Direkt vor unserer Haustür liegt oft eine ganz andere Weltsicht versteckt, die sich nur mit dem Klang einer anderen Sprache erfassen lässt. Wir sehen dieselben Dinge und doch hören sie sich völlig anders an. Wie der Geschmack eines Apfels, der an einem Fleckchen Erde gereift ist, lässt sich mit dem Platt eines jeden Ortes ein ganz eigener Klang der Geschichte erfahren. Diese Vielfalt sollte uns nicht verloren gehen.

Das wünscht sich


Ihr Marc Real


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