Der Hirtenjunge zu Düssel


Aus Wülfrath stammt dieses Gedicht über den Besuch eines Hirten bei der feinen Gesellschaft.

Im Jahre 1854 wurde dieses Gedicht vom Kölner Sprachforscher Johann Matthias Firmenich-Richartz als Beispiel für die in Wülfrath gesprochene Mundart in die umfangreiche Sammlung deutscher Dialekte „Germaniens Völkerstimmen“ aufgenommen.

Damit Sie dieses Gedicht bestmöglich verstehen können, finden Sie rechts neben dem Text in Mundart die hochdeutsche Übertragung.

De Hiätjong te Düssel

Buräfrau: „Hans Hendrich, treck die Kiedel an!
Du saus ens jonn nomm Kapelan.“
Bauersfrau: „Hans Heinrich, zieh den Kittel an!
Du sollst jetzt zum Kaplan gehen.“
Hiätjong: „Jo, Frau, dat sall em Bleck geschenn,
Dat ehs so räit no minnem Senn.
Sall ech da Welm sinn Bocks antrecken?
Die minn ehs janz voll Ohligsflecken.“
Hirtenjunge: „Ja, Frau, das soll sofort gescheh‘n,
Das ist ganz recht nach meinem Sinn.
Soll ich Wilhelms Hose anziehen?
Die meine ist ganz voller Ölflecken.“
Buräfrau: „Dat donn du mär, die steit dech jut,
On nömm us Pitter sinnen Hut,
On do dinn blo Kitzwahmes bei,
Dann ehs em janzä Kiäschpäl hei
On auch em janzen Bergschelang
Kei Mehnsch so stats van dinnem Stang.“
Bauersfrau: „Das mache ruhig, die steht dir gut,
Und nimm von Peter doch den Hut,
Und trag dazu dein blaues Hühnerwams
Dann ist im ganzen Kirchspiel heut
Und auch im ganzen Bergischen Land
Kein Mensch so stolz von deinem Stand.“
„Nu paß ens op! Ech ha för et Fest
Dem Hähr ne Schruthahn fett gemäst,
De saus du äm nu etzig brengen.
Nu sag ech dech vör allen Dengen,
Stell dech bei äm mär nett on jut,
On nömm en betz dinn Häng den Hut
On sag: „Jän Dag, Hähr Kapelan,
Minn Frau scheckt öch nä fetten Hahn.“
„Jetzt pass gut auf! Ich habe für das Fest
Dem Herrn einen Truthahn fett gemästet,
Den sollst du ihm jetzt bringen.
Stell dich bloß mit ihm nett und gut,
Und nimm in beide Hände deinen Hut,
Und sag: „Guten Tag, Herr Kaplan,
Meine Frau schickt euch einen fetten Hahn.“
„Motz du dann vlechs noch bei äm eten,
Da motz du äwwer nit vergeten,
Dat du do bei näm Hähren böss,
On läg die Knök nett op den Dösch!“
„Wirst du vielleicht dann bei ihm essen,
Dann darfst du aber nicht vergessen,
Dass du bei einem Herrn dort bist,
Und leg die Knochen artig auf den Tisch!“
Hiätjong: „Jo, Frau, ech sall mech Alles merken,
Ech si so bott nit äs ä Ferken.
Janz nett sall ech minn Saak bestellen,
On, wann ech wiär kum, öch vertellen,
Wat mech de Kapelan gesäit,
Äs ech de Schruthahn äm gebräit.“
Hirtenjunge : „Ja, Frau, das werde ich mir alles merken,
Ich bin so dumm nicht wie ein Ferkel.
Meine Sache soll ich gut begehen
Und, wenn ich wiederkomme, euch erzählen,
Was mir der Kaplan hat gesagt,
Als ich den Truthahn ihm gebracht.“
De Jong kohm baul mit Sack on Hahn
Am räiten Huhs en Düssel an.
He stong nit lang do vör der Dühr,
He kloptä met Gewault dervür,
On äs äm opä wöat gedonn,
Sog he än Aul do vör sech stonn.
Bald kam der Junge mit Sack und Hahn
Am richtigen Haus in Düssel an.
Da stand er nicht lang vor der Tür,
Da schlug er mit Gewalt davor,
Und als die Türe offen war,
Sah er vor sich einen Alten da.
„Du Muhldiehr, wat ramuhrschtä, sag?“
„Hähr Schruthahn, ech sag öch jän Dag!
Minn Frau scheckt öch nä Kapelan,
De ech för öch em Sack hei han.“
„Du Maultier, was rumorst du so?“
„Herr Truthahn, ich sage euch guten Tag!
Meine Frau schickt euch einen Kaplan,
Den ich für euch im Sack hier habe.“
„Noä Jong, dat ehs än anger Koän,
Do het dinn Frau jo räit gedonn.
Da saus du Meddag met us haulen,
De Sack sall ech dech da wall faulen.“
„Na, Junge, das ist von anderem Schrot und Korn,
Da hat deine Frau das Rechte getan.
Da sollst du mit uns den Mittag halten,
deinen Sack will ich dir richtig falten.“
„Dat het die Frau mech auch gesäit,
Wenn ech de Hahn hei no öch bräit,
On säul dann hei ens met öch eten,
Dat mühss ech jo mär nit vergeten.“
„Das hat die Frau mir auch gesagt,
Wenn ich den Hahn zu euch gebracht,
Dann soll ich hier gleich mit euch essen,
Das sollte ich bloß nicht vergessen.“
Et ehs mech jut, die Tit kohm an,
On domet auch de Kapelan.
Die Aul die bräit gebrohde Fesch,
On malk satt sech nu bei den Dösch.
Mir geht es gut, die Zeit brach an,
Und damit auch der Kaplan.
Die Alte brachte gebrat‘nen Fisch,
Und jeder setzte sich zu Tisch.
Äs sie no sohten so benein,
Läit Hendrich allebetz sinn Bein
Janz neulich op den Dösch dohenn.
Als sie nun so beieinander saßen,
Legte Heinich alle beide seiner Beide
Ganz offen auf den Tisch dort hin.
„Biäst,“ riepen Betz, „wat fällt dech enn?“
On flugs krieg än die Aul beim Kopp
On schmiet dohenn, pladatsch! den Tropp.
„Biest,“ riefen beide, „was fällt dir ein?“
Und schon nahm ihn die Frau am Schopf
Und schmiss ihn raus, platsch! den armen Tropf.
„Hau, hau!“ säit he, „dont jött Gewault?
Minn Frau het mech dat suä bestault,
Minn Knök säul op den Dösch ech legen,
Dat mühss män donn va Schangä wegen.
Mar Josepp, weh hätt dat gedäit,
Dat einem dat beköhm so schläit?“
„Halt, halt!“ sagte er, „tut ihr Gewalt?
Meine Frau hat mich das so gelehrt,
Meine Knochen sollte auf den Tisch ich legen,
Das macht man so, von Schanden wegen.
Maria und Joseph, wer hätte das gewusst,
Dass es so schlecht nun kommen musste?“
„Dutt mech de ledge Sack mär heer,
Dat ech mech hei van dänne scheer
On laup mär heim no usser Frauen,
Do ka män eten doch met Rauen.“
„Gebt mir den leeren Sack noch her,
Das ich mich gleich von dannen scher
Und lauf dann heim zu meiner Frau,
da kann man doch in Ruhe essen.“

aus: „Germaniens Völkerstimmen, Sammlung der deutschen Mundarten in Dichtungen, Sagen, Märchen, Volksliedern“ von Johannes Matthias Firmenich-Richartz, Erster Band, erschienen 1854 in der Schlesinger’schen Buch- und Musikhandlung zu Berlin, Seite 423

Originaltext in Duisburger Mundart, übertragen ins Hochdeutsche von Marc Real


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