Im Jahre 1877 ist das Buch „Das rheinische Platt“ in seiner zweiten Auflage erschienen. Es wurde von dem aus Düsseldorf stammenden Sprachforscher Georg Wenker verfasst.

Mithilfe von Fragebögen, die an alle Schulorte in der Rheinprovinz verschickt wurden, wollte er die Mundarten zwischen Kleve und Koblenz einer wissenschaftlichen Analyse unterziehen. Hierzu nutzte er vorgegebene Sätze, die die einzelnen Schulmeister in der entsprechenden Mundart ihrer Schulorte wiedergeben sollten.

Ein Ergebnis dieser Datensammlung, die später auf das gesamte Deutsche Reich ausgeweitet wurde, ist diese Vorstellung der rheinischen Mundarten. Er führt aus, was die Mundarten zwischen Eifel und Münsterland trennt und was sie verbindet. In einer dazugehörigen Karte bildet er die daraus resultierenden Sprachgrenzen räumlich ab.

Georg Wenker ist im Jahre 1852 geboren worden und starb 1912. Gemäß § 64 des deutschen Urheberrechtsgesetzes gilt in Deutschland eine Regelschutzfrist von siebzig Jahren ab dem Tode des Urhebers. Dieser Schutz ist für das nachfolgende Werk im Jahre 1982 erloschen. Entsprechend ist „Das rheinische Platt“ ein gemeinfreies Werk und darf an dieser Stelle publiziert werden.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen mit Wenkers anschaulichem und bisweilen amüsanten Schreibstil.


Das rheinische Platt

„E Böökske joot för Jong on Alt! Da könnd er lihre, wie mer kallt Der ganze Rhing von Cublenz an, on och en Kaat es henge dran.“

„Ein Büchlein gut für Jung und Alt! Da könnt ihr lernen, wie wir sprechen Der ganze Rhein von Koblenz an, und auch eine Karte ist hinten dran. „

In der Ausstellung zu Köln

Zu Köln war große landwirtschaftliche Ausstellung. Da bin ich auch hingegangen, wenn aber einer meint, ich wäre der Sachen wegen hingekommen, die da all zu sehen waren, so irrt er sich gewaltig und es rät auch so leicht niemand, was ich denn eigentlich da auf der Ausstellung wollte.

Ich werde auch wohl der einzige unter all den tausend Menschen gewesen sein, der die Ausstellung besuchte, um mal wieder recht echt Platt sprechen zu hören. Das konnte man aber auch da haben. Da waren Leute aus allen Ecken der Rheinprovinz, von Aachen und aus dem Bergischen, aus der Eifel und aus dem Oberland. Ich strich den ganzen Morgen überall herum, sah viel und hörte noch mehr und wär wohl noch länger da geblieben, wenn’s nicht ein ganz schrecklich heißer Sommertag gewesen wäre.

Im Wirtshaus zu Köln

Drum ging ich denn ins nächste Wirtshaus, wo ich gutes Bier wusste, um mir da mit einem kleinen Frühschoppen all den Staub, den ich geschluckt, wegzuspülen. Da drinnen im Wirtshaus war’s aber schon pinnevoll, wie sich jeder denken kann und ich fand mit Mühe noch ein Eckplätzchen an einem Tisch frei. Ich hatt’s übrigens gut getroffen, wie ich bald merkte, denn an dem ganzen Tisch waren kaum zwei, die aus demselben Ort gewesen wären.

Da saß ein fideler Herr mit zwei lustigen Augen, ein Kölner vom reinsten Wasser, der führte offenbar das erste Wort.

„No Ehr Häre“, fragte er lachend, „han ich üch keine jode Roth jejewwe, met mer heher zo jonn? Es dat nit e schön Gläschen Beer?“

„Na, werter Herr, habe ich Euch nicht einen guten Rat gegeben, mit mir hierher zu gehen? Ist das nicht ein schönes Gläschen Bier?“

„Dat aß sching Bier, dat moß mer sohn!“

„Das ist schönes Bier, das muss man sagen!“

sagte sein Nachbar, ein wohlbeleibter Bauersmann im blauen Kittel mit einem sonnverbrannten Gesicht und trank einen kräftigen Schluck.

„Wat senn dann dat lo hanne fir zwu sching Heiser?“

„Was sind denn das da hinten für zwei schöne Häuser?

fragte er dann den Kölner und wies durchs Fenster. Mein Kölner sah in die Richtung und schüttelte den Kopf.

„Wat sall do sinn? Ich sinn nix andersch als zwei Hühser!“

Was soll da sein? Ich sehe nichts anderes als zwei Häuser!

„Do hätt de Hähr jo och noh gefrogt“, wandte ich mich jetzt lächelnd an die Beiden, „mer soge he zwei Hühser äwwer do hingen im Triersche do heeßt dat: zwu Heiser. Sidd ehr nitt us m Trier‘sche zu Huhs?“ fragte ich dann den Dicken im blauen Kittel.

„Danach hat der Herr ja auch gefragt. Wir sagen hier „zwei Hühser“, aber dort hinten im Trierischen, da heißt das „zwu Heiser“. Seid ihr nicht im Trierischen zu Hause?“

Der nickte erstaunt: „Eich senn ous Lahr, dat leit bei Neuerburg. Ewel Der sidd wohl bekant bei ihs, dat Der su goud ihs Sprooch verstit?“

„Ich bin aus Lahr, das liegt bei Neuerburg. Aber Ihr kennt euch wohl bei uns aus, wo Ihr so gut unsere Sprache versteht?“

„Ne“, erwiderte ich ihm, „ich bin mi Lewe noch nitt bei Neuerburg oder do erümm gewäse.“

„Nein, ich bin in meinem Leben noch nicht bei Neuerburg oder dort in der Nähe gewesen.“

„Wo hatt Ehr dann dat dolle Platt geleht, dat kann jo keine Minsch vun uns all he verstonn?“

„Wo hat Er denn das breite Platt gelernt, das kann doch kein Mensch von uns allen hier verstehen?“

fuhr jetzt der Kölner neugierig heraus und ein anderer, ein breitschultriger Riese mit großem Vollbart, meinte:

„Ne, eck häbb der nex van verstande, wat gey dorr so efkes vertellt hädt“ und dabei lachte er recht gemütlich.

„Ja, ich habe nichts davon verstanden, was er dort soeben erzählt hat.“

„Na, Ehr sidd secher us’m Clevsche!“ sprach ich den jetzt an, „on wenn ech Öch noch fönf Minutte kalle hör, dann well ech Öch och sage, us welcher Gegend Ehr zu Huhs sidd.“

„Na, Ihr seid sicher aus dem Klevischen! Und wenn ich Euch noch fünf Minuten reden hören, dann will ich Euch auch sagen, in welcher Gegend Ihr zu Hause seid.“

„En feiv Minütte, dat kann eck ollij nit well glöwe, on es Clevß Land eß groot.“

„In fünf Minuten, dass kann ich ehrlich nicht recht glauben, und das Kleverland ist groß. „

„O, ich hann et schon eruhs, Ehr sidd us Cranenburg oder keen zwei Stond dervon gebörtig!“

„Oh, ich habe es schon herausbekommen, Ihr seid aus Cranenburg oder keine zwei Stunden davon entfernt beheimatet!“

Der Mann sah mich ganz verdutzt an und es dauerte eine Weile, eh er in seinem Staunen herausbrachte:

„Eck sij van Zyfflich to Hüß, marr wi könt gellij dat weten?“

„Ich bin in Zyfflich zu Hause, aber wie können Sie das wissen?“

„Aha“, versetzte ich, „hann ich et nit gesaht? Zyfflich lit nit wihder als een Stond von Craneburg af.“

„Habe ich es nicht gesagt? Zyfflich liegt nicht weiter als eine Stunde von Kranenburg entfernt.“

Da saß ein kleiner Herr mit einer großen Brille mir grad gegenüber, der hatte bisher stumm zugehört. Jetzt wurde es dem zu bunt und er fragte mich verschmitzt:

„Kunnt Ett mie dann ok sägen, wo ek her sinn? Ett sind jo so geliehrt as en Bauk“ und dabei reichte er seine Schnupftabaksdose herum.

„Könnt Ihr mir denn auch sagen, wo ich herkomme? Ihr seid ja so gelehrt wie ein Buch“

„Hm“, sagte ich, „Ehr sidd entweder uhs dem Westfählische oder Ehr mößt do bei Gummersbach zu Huhs senn.“

„Ihr seid entweder aus dem Westfälischen oder Ihr müsst dort bei Gummersbach zu Hause sein.“

Der kleine Herr wollte grade niesen, aber das vergaß er vor lauter Schreck und erst als der Kölner ihn lachend fragte:

„Na, wo sidd Ehr dann her?“

„Na, wo kommt Ihr denn her?“

brachte er niesend die Worte heraus:

„Ut Herreshagen, hazziah – bie Gummersbach, hazziah!“

„Aus Herreshagen, hatschi – bei Gummersbach, hatschi!“

Das ganze Land in einem Buch

Es war gut, dass es im ganzen Lokal recht munter herging, so dass wir an unserem Tisch nicht besonders auffielen. Mein Kölner wollte aber nun in allem Ernst erfahren, wie so was möglich wäre und die anderren waren ebenso versessen drauf, dass ich ihnen die Sache erklärte. Da hab ich denn den Herren auseinandergesetzt, dass ich gar nicht etwa mit dem Teufel im Bunde steckte, sondern dass das alles mit ganz natürlichen Dingen zuging. Dass ich nämlich schon seit langer Zeit eine große Liebhaberei für die platte Sprache in unserem Rheinlande gehabt hätte und dass ich nun, um die Sache mal ganz gründlich kennenzulernen mich an alle Lehrer in der ganzen Rheinprovinz gewandt hätte um Mitteilungen in dem Platt, wie es in ihrem Orte gesprochen würde, dass dann die allermeisten mir auch den Gefallen getan hätten und dass ich dadurch das Platt von über 1500 Orten schön schwarz auf weiß zu Hause liegen hätte.

Daraus wollte ich nun eine Karte zusammenstellen über all die verschiedenen Mundarten, wie sie bei Cleve und bei Elberfeld bei Gladbach und bei Eupen bis herauf an die Mosel heutiges Tages gesprochen werden. Und weil ich zufällig das Büchelchen bei mir hatte, in dem all die Namen und Adressen der Lehrer standen, so zog ich das denn hervor und zeigte es rund. Da ging denn aber das Fragen los, hast du nicht gesehn! Wo Herreshagen und Zyfflich und all die andern Orte aus denen grad einer da war geschrieben ständen und wie die Lehrer von da hießen. Und wie alles hübsch stimmte und der Dicke im blauen Kittel mit Vergnügen erfuhr, dass sein Nachbar daheim, der Lehrer Fandel auch drin stand und als sich nun alle wieder einigermaßen beruhigt hatten, da meinte mein Kölner, indem er und die andern alle auch fröhlich mit mir anstießen.

Das rheinische Platt

„Weßt Ehr no, minge leewe Hähr, wat ich jitz däht, wann ich op örer Stell wör? Ich ging jitz her un schrevv e klei nett Böchelchen üvver et janze Rhingsche Platt, dat mer do doch ens jett drüvver lese künnt. Dann dat intresseert onsereiner doch och jett, dat es net bloß sujett för Üch gelehte Hähren. Un ich mein dat Platt es doch zo ehsch uns Sach, dann mer sprechen et der janze Dag un hann uns Freud dran.“

„Wisst Ihr nun, mein lieber Herr, was ich jetzt täte, wenn ich an Eurer Stelle wäre? Ich ging jetzt her und schrieb ein kleines, nettes Büchlein über das ganze Rheinische Platt, damit wir auch einmal etwas darüber lesen können. Denn es interessiert unsereins doch auch ein wenig, das ist nicht bloß sowas für Euch gelehrte Herren. Und ich meine, das Platt ist doch zuerst unsere Sache, denn wir sprechen es den ganzen Tag und haben unsere Freude daran.“

Das war richtig gesprochen und die andern am Tisch waren alle damit einverstanden. Drum hab ich denn ihnen allen beim Abschied das versprechen müssen, dass ich den Vorschlag unseres Kölners ausführen wollte. Das hab ich denn hier gehalten so gut ich es konnte und hab ein kleines Kärtchen dazu gezeichnet damit, alles viel klarer wird. Weil ich aber doch all die Mittheilungen aus denen ich das Ganze zusammengestellt habe den Lehrern in all den einzelnen Orten verdanke, so hab ich es den Lehrern auch gewidmet. So mag’s denn hinaus gehen und mag allen denen die mir von nah und fern her geholfen, meinen besten Dank sagen. Und recht zufrieden will ich sein, wenn es sie alle „monkter on gesonk“ (munter und gesund), wie der Rheinländer sagt, antrifft und wenn es ihnen allen eine kleine Freude macht.

Vater Rhein, Rheng oder Rhien?

Unser lieber Rhein erlebt auf seinem Laufe durch die Schweiz und durch Deutschland allerlei Namensveränderungen. Wo er entspringt hoch auf dem St. Gotthard da taufen sie ihn Rhi und diesen Namen behält er bei bis er den Bodensee verlassen hat und dann an Basel vorbeigeflossen ist. Da wird er zum Rhien gemacht doch das dauert nicht lange denn schon in der bayrischen Pfalz spricht man nicht mehr vom Rhien sondern vom Rhein. Aber wenn der „Vadder Rhein“ sich Mainz und Bingen und Coblenz besehen und seine schönsten Weinberge im Vorbeigehen begrüßt hat, dann muss er sich bald wieder einen neuen Namen gefallen lassen. Niederbreisig auf dem linken und Hönningen auf dem rechten Ufer sind die letzten Orte, wo man ihn Rhein nennt. Sinzig dagegen und gegenüber Leubsdorf Dattenberg und Linz liegen am Rheng. Und jeder Bonner oder Kölner oder Düsseldorfer weiß ja, dass er ebenfalls am Rheng oder Rhing wohnt. Unterhalb Düsseldorf auf dem linken Ufer schon von Büderich, eine Stunde von Düsseldorf an auf dem rechten, aber erst unterhalb Ehingen gegenüber Uerdingen verwandelt sich der Name auf’s Neue und für eine kurze Strecke bis unterhalb Orsoy heißt’s nun Rhien, dann aber Rhinn und als Rhinn tritt der Fluss in Holland ein, wo er noch einmal zum Schluß seinen frühern Namen Rhein, geschrieben Rijn, bekommt.

Bei so viel Schicksalen ist es ein wahres Glück, dass sein Lieblingskind, der Wein, überall treulich sein Los mit ihm teilt. Sonst könnte man ja bloß hochdeutsche Gedichte machen auf den Vater Rhein und seinen Wein. So aber ist das in allen Mundarten möglich, denn wo man Rhein sagt, sagt man auch Wein und wer am Rhing wohnt trinkt Wing und Rhinn und Winn, Rhien und Wien, Rhi und Wi gehen stets zusammen, wie sie ja auch von Rechts wegen zusammen gehören.

Die Grenzen der rheinischen Mundarten

Aus diesen zwei Wörtern Rhein und Wein können wir nun schon zwei wichtige Grenzpunkte für die Mundarten in unserem Rheinlande herauslesen. Denn wo man aufhört, Rhein zu sagen und anfängt vom Rhing zu sprechen, also bei Sinzig, da hört die eine Mundart auf und es fängt eine zweite an.

Und wo der Rhing zum Rhien oder Rhinn wird, also kurz unterhalb Uerdingen, da haben wir die dritte rheinländische Mundart. Jetzt wollen wir einmal untersuchen, wie sich denn die Sache landeinwärts von diesen beiden Punkten am Rhein nach Westen und Osten verhält.

DeutschNiederländischNiederrheinischMischmundartenNiederfränkischKölschMittelfränkisch


nördlich von Uerdingenzwischen Uerdingen und Benrathsüdlich von Benrath
südlich von Sinzig
RheinRijnRhinn, RhienRhingRhingRhingRheng
WeinwijnWinn, WienWingWingWingWeng

Sprachinseln am Niederrhein

Vorher aber wollen wir von zwei kleinen Gebieten in der Rheinprovinz reden, welche in ihrer Sprache ganz von der Umgegend verschieden sind.

Im Anfang unseres Jahrhunderts, noch bei Lebzeiten der Königin Louise, also vor dem Jahre 1810, wollte eine größere Anzahl von Landleuten aus der bayerischen Pfalz aus Europa auswandern. Sie waren glücklich bis nach Holland gekommen, da wurden sie von habsüchtigen Agenten um ihre geringe Barschaft betrogen und konnten nun weder vorwärts noch rückwärts. Denn Eisenbahnen gab’s damals noch nicht und ohne alle Mittel sich in ihr fernes Heimatland durchschlagen, das ging nicht an.

In ihrer Not wandten sie sich an die damalige Königin von Preußen und durch die Verwendung derselben erhielten sie den östlichen Teil des großen Reichswaldes im Klevischen zur Ausrodung und Bebauung angewiesen. Dort haben sie dann drei Kolonien gegründet und sie zum ewigen Andenken an die hochherzige Königin Louise und zur bleibenden Erinnerung an ihr eigenes Heimatland die Pfalz, Louisendorf, Neulouisendorf und Pfalzdorf genannt. Ihre Pfälzer Sprache und Tracht und Sitten haben sie treu bewahrt und so kommt es, dass man heutzutage mitten im Kleverlande zwischen Kalkar, Goch und Uedem die Leute in echtem Pfälzer Dialekt sprechen hört, der fast in jedem Worte anders ist als der Klevische.

Französisch hinter Malmedy, kurz vor Belgien

Nun müssen wir uns an ein ganz anderes Ende der Rheinprovinz versetzen, nach Malmedy. Malmedy liegt nur eine halbe Stunde von der belgischen Grenze entfernt und in Malmedy und etwa 25 Ortschaften ringsum spricht man von Alters her kein deutsches, sondern ein französisches Platt, dasselbe wie im benachbarten Belgien. Die letzten deutschen Orte nach Westen zu heißen Weiwerz, Schöppen, Iveldingen und Recht und trotzdem, dass z. B. Weiwerz nur eine Viertelstunde von dem nächsten französischen Orte Champagne entfernt ist, findet doch gar keine Mischung zwischen den beiden Sprachen statt, sondern der eine Ort ist ganz deutsch der andere ganz französisch.

Die Uerdinger Linie – von ek und ech, ook und och

Von Malmedy reisen wir nach Uerdingen zurück und wollen uns einmal erkundigen, wie in dortiger Gegend ein einfaches Wörtchen, das jedermann kennt und jedermann jeden Tag gebraucht, auf Platt heißt. Ich meine das Wörtchen ich. In Uerdingen sagt man ech und ebenso in Hohenbudberg, das ein halbes Stündchen nördlicher liegt.

Geht man aber noch eine halbe Stunde weiter nach Norden zu nach Rumeln so hört man nicht mehr ech, sondern eck. Nun kann man nach Norden reisen bis an die Nordsee, man findet kein ech mehr sondern nur eck oder ick. Aber wie sieht es denn vom Rhein nach Osten und Westen damit aus?

Der Verlauf der Uerdinger Linie

Nach Westen zu ist die Sache sehr einfach man zieht von Rumeln eine fast gerade Linie quer durch’s Land bis zur holländischen Grenze, so trennt diese alle Orte, welche eck für ich sagen von allen, welche statt dessen ech haben. Östlich vom Rhein läuft dieselbe Grenzlinie bis zur Ruhr grade weiter, dann aber macht sie, wie das Kärtchen zeigt, einen Bogen nach Süden zu, geht zwischen Elberfeld und Sonnborn durch und kommt östlich von Eckenhagen im Kreise Waldbröl an die westfälische Grenze.

Nun gibt es noch ein zweites Wörtchen, das man ebenfalls sehr oft im Munde führt, nämlich auch. Dem ergeht es ganz grade so wie dem ich, denn in allen Orten wo man ech sagt für ich, sagt man och für auch und überall wo man für ich eck oder ick gebraucht, heißt das hochdeutsche auch auf platt ook. Also trennt unsere Uerdinger Grenzlinie alle diejenigen Orte, in welchen ich und auch das ch im Platt beibehalten von allen denjenigen Orten in welchen dieses ch in k verwandelt wird.

Entweder nur „k“ oder nur „ch“ allein?

„Aha“, wird jetzt mancher denken, „in dem ch steckt’s! Und wenn das ch von ich und auch so schön nach einer und derselben Grenzlinie sich in k verwandelt so wird’s wohl auch bei allen andern hochdeutschen ch der Fall sein.“ Und dabei hat er nicht ganz Unrecht. Wir wollen mal einige von den vielen Wörtern mit ch nehmen z. B. Kuchen, machen, rauchen, Sache, Buch, sprechen, gebrochen, weich, reich, und nachfragen, was im Plattdeutschen an den einzelnen Orten aus diesem ch wird.

Da findet sich denn, dass nördlich von unserer Uerdinger Linie in all diesen Wörtern ein k gesprochen wird niemals ein ch, wie jeder, der da geboren ist, sehr leicht erfahren kann. Nun müsste man aber auch südlich von unserer Grenze überall ein ch hören.

Von Holland bis Wipperfürth „maken“, aber „ech“

Das ist jedoch nicht der Fall, sondern ein ganz breiter Streifen der an der holländischen Grenze am breitesten ist, nach Osten zu aber immer schmaler wird und bei Wipperfürth ganz spitz beiläuft, hat in Kuchen, machen, rauchen, und all diesen Wörtern doch noch ein k obgleich er in ech und och für ich und auch das ch hat.

Die Benrather Linie – „ech“ und auch „machen“

Kommt man aber noch weiter nach Süden, so hören alle k in all diesen Wörtern auf und man findet lauter ch wie im Hochdeutschen. Da müssen wir denn, wenn wir mit dem ch und k ins Reine kommen wollen, noch eine zweite Grenzlinie ziehen.

DeutschNiederländischNiederrheinischMischmundartenNiederfränkischWestfälisch


nördlich von Uerdingenzwischen Uerdingen und Benrathsüdlich von Benrath
ichikek, ikechechek, ik
auchookookochochook
machenmakenmakenmakenmachenmaken

Der Verlauf der Benrather Linie

Diese geht nördlich von Benrath über den Rhein, darum wollen wir sie die Benrather Linie nennen und sie läuft nach Westen zu in einem Bogen bis südlich von Geilenkirchen an die holländische Grenze nach Osten, aber ziemlich grade bis sie bei Wipperfürth mit der Uerdinger Linie zusammentrifft. Von da an laufen beide ganz genau zusammen. Ganz seltsamer Weise kommt unsere Benrather Linie noch einmal über die holländische Grenze zurück und zwar zwischen Aachen und Eupen und schneidet den westlichsten Teil des Kreises Eupen ab, denn hier finden wir ebenfalls ein k in Kuchen, machen, suchen, usw. aber in ich und auch ein ch. Sehen wir uns aber die Benrather Grenzlinie mal etwas genauer an.

Das Platt zwischen Uerdinger und Benrather Linie

Ohne viele Sprünge und Winkelzüge zu machen zieht sie sich hübsch einfach quer durch die ganze Rheinprovinz, oft zwischen zwei Orten hindurch, die nicht weiter als ein halbes Stündchen voneinander entfernt sind und hört man in irgendeinem Orte südlich von dieser Linie platt sprechen, so findet man in allen Wörtern, die im Hochdeutschen ein ch in der Mitte oder am Ende haben, dasselbe ch wieder im Platten, kommt man aber in den nächsten Ort nördlich von der Benrather Linie, so hat das Platt wie mit einem Zauberschlage alle diese ch bis auf das in ich und auch und noch ein paar Wörtern in k verwandelt. Und, was das Schönste ist, das ist noch gar nicht einmal alles, was sich bei jener Benrather Linie so plötzlich ändert.

S wird T und F zu P

Alle hochdeutschen ss und ß in der Mitte oder am Ende der Wörter z. B. in essen, heiß, Kessel, Schüssel, Schlüssel, geschossen, groß, lassen, Fuß, beißen, findet man im Platt in allen Orten südlich der Benrather Linie grade so wieder und nördlich von ihr steht statt dessen überall ein t und es heißt eeten oder iäten für essen, grot oder grut für groß usw. Nur nahe am Rhein gehn die ss und ß noch etwas mehr nach Norden bis nördlich von Düsseldorf, darüber darf man sich aber gar nicht verwundern, denn am Rhein ist von Alters her ein lebhafter Verkehr gewesen, so daß es sehr natürlich ist, wenn heutzutage am Rhein und nahe daran die Dialekte sich etwas vermengt haben.

Und ganz ebenso wie dem ch und ss und ß ergehts dem f oder ff in der Mitte oder am Ende der hochdeutschen Wörter, z. B. in Schiff, schlafen, rufen, tief, besoffen, Löffel. Denn nur südlich von der Benrather Linie hat das Platt hier ein f wie das Hochdeutsche, nördlich dagegen finden wir ein p statt des f oder ff z. B. lopen statt laufen, deep statt tief, schlopen statt schlafen usw.

Z wird T

Und noch mehr: Alle hochdeutschen Wörter, die mit z anfangen wie Zeit, zwei, zwölf, zwanzig, zu, Zahl, Zeug, Zahn, Zehe, zehn, haben südlich der Benrather Linie nahe am Rhein t, aber auch noch nördlicher bis hinter Kaiserswerth ebenfalls z im Platten, dagegen nördlich der Benrather Linie und am Rhein nördlich von Kaiserswerth fangen sie alle mit t an, so dass es nun Tied für Zeit twei, twälf usw. heißt. Alles das gilt natürlich auch von dem kleinen Eckchen bei Eupen, von dem wir oben gesprochen haben.

DeutschNiederländischNiederrheinischMischmundartenNiederfränkischEupen


nördlich von Uerdingenzwischen Uerdingen und Benrathsüdlich von Benrath
esseneteneeten, iäteneeten, iätenesseneeten, iäten
großgrootgrot, grutgrot, grutgroßgrot, grut
ZeittijdTiedTiedZiet, ZickTied
zweitweetweitweizweitwei
zwölftwaalftwälftwälfzwölftwälf
laufenlopenlopenlopenlaufenlopen
tiefdiepdeepdeeptiefdeep

Die Benrather Linie im Sprachvergleich

Damit aber jedermann vollends klar einsieht, wie wichtig die Benrather Sprachgrenze ist, will ich noch hinzufügen, dass diese selbe Grenzlinie sich nach Osten hin quer durch das ganze deutsche Reich fortsetzt bis an die polnische Grenze und dass alle deutschen Mundarten südlich von dieser ganzen Linie bis hinauf in die Schweiz und bis nach Österreich hin, mögen sie heißen, wie sie wollen und mögen sie in anderen Dingen himmelweit voneinander verschieden sein, diese ch und ss und ß und f und ff in der Mitte und am Ende und die z am Anfang der Wörter mit dem Hochdeutschen gemeinsam haben, und dass dagegen alle Mundarten nördlich von dieser Linie bis an die Nord und Ostsee und weiter sogar das Holländische und Dänische und jenseits des Meeres das Englische und Schwedische und Norwegische, ja sogar das Isländische, die ja alle mit dem Deutschen noch eine gewisse Ähnlichkeit haben, keine ch und ss und f und z mehr kennen, sondern an Stelle derselben überall k und t und p und im Anfang der Wörter t sprechen. Nun wird wohl niemand mehr im Zweifel darüber sein, dass die Benrather Grenze eine der allerwichtigsten im ganzen Rheinlande sein muss. Das wollen wir uns denn aber auch gründlich merken.

Aber so höre ich jetzt den einen oder anderen fragen, warum haben wir denn im Anfang uns alle die Mühe gegeben mit der Uerdinger Linie, die ist denn doch wohl ganz überflüssig? Allerdings, wenn’s bloß die zwei Wörtchen ich und auch wären, für die wir da eine Grenze gezogen haben, dann wäre das sehr töricht. Denn dann könnten wir uns dran halten und Grenzlinien ziehen kreuz und quer, und die Karte sähe zuletzt aus wie ein rotes Spinnengewebe und jeder Ort hätte seinen eigenen Dialekt. Wie aber, wenn noch eine ganze Reihe anderer Eigenschaften das Platt nördlich von der Uerdinger Linie scharf und deutlich von dem südlich herrschenden trennten? Und so ist es in der Tat.

Die zweite Eigenschaft der Uerdinger Linie

Wir wollen zuerst einmal die linke Rheinseite vornehmen. In allen Orten südlich von der Uerdinger Linie heißt ihr auf platt ehr oder ühr, euch heißt öch oder üch, euer heißt öre/üre, alles Wörter, die dem Hochdeutschen ganz ähnlich sehen.

Nördlich von der Uerdinger Grenze aber lautet ihr gej oder ge, euch lautet ou oder ow, euer heißt oue oder owe, also ganz anders als im Hochdeutschen, dagegen sehr ähnlich wie im Holländischen, wo es gej, ü und üw heißt, geschrieben gij, u, und uw. Ferner alle Wörter mit nd in der Mitte, wie finden, binden, Kinder, anders, Hände, gefunden, haben nördlich von Uerdingen ebenfalls nd und grade so haben sie nd im Holländischen, südlich aber steht statt des nd meistens ng und es heißt fenge, benge, angersch, Kenger, usw. Und nd am Ende der Wörter wie Hund oder gesund bleibt nördlich nd, aber südlich heißt’s Honk oder Honkt, Kenk oder Kenkt und Winter oder munter lauten nördlich Wenter, monter, südlich Wenkter, monkter. Nun will ich nur noch eins erwähnen, dann wird’s wohl genug sein.

Wenn einer dem anderen den Laufpass gibt, dann sagt er auf Hochdeutsch geh oder geh heim, wenn er aber Platt spricht, so sagt er nicht geh, sondern, wenn er südlich von der Uerdinger Grenze gebürtig ist, sagt er jank oder jonk, letzteres nach der holländischen Grenze zu, ist er aber nördlich von der Uerdinger Linie zu Haus, so sagt er gon oder goj an der holländischen Grenze. Die Uerdinger Grenze ist also gar nicht zu verachten, denn nördlich von ihr herrscht ein ganz anderes Platt als südlich.

DeutschNiederländischNiederrheinischMischmundartenNiederfränkisch


nördlich von Uerdingenzwischen Uerdingen und Benrathsüdlich von Benrath
ihrgijgej, geehr, ührehr, ühr
euchuou, owöch, üchöch, üch
eueruwoue, oweöre, üreöre, üre
findenvindenfendefengefenge
bindenbindenbendebengebenge
KinderkinderenKenderKengerKenger
HundhondHondHonk, HonktHonk
gesundgezondgesondKenk, KenktKenk
WinterwinterWenterWenkterWenkter
muntermontermontermonktermonkter
andersandersanderschangerschangersch
gehgagon, gojjankjonk

Die niederrheinische Mundart

Und zwar ist das Platt, das auf der linken Rheinseite von Uerdingen bis abwärts nach Kleve gesprochen wird, im Großen und Ganzen ein und dasselbe, und es ist von allen deutschen Mundarten diejenige, die dem Holländischen am ähnlichsten ist. Wir wollen sie die niederrheinische nennen. Dieser niederrheinische Dialekt geht aber auch über den Rhein hinüber, denn nirgends bildet der Rhein eine Sprach- oder Dialektgrenze. Allein rechts vom Rhein gehört nur ein etwa eine Meile breiter Streifen zu dieser Mundart, östlich von der auf dem Kärtchen angegebenen Linie zwischen Isselburg und Rees beginnt das westfälische Platt.

Unterschiede zur westfälischen Mundart

Hier sagt man nicht mehr gej statt ihr, sondern ej/ij und im Kreise Essen gitt, dann südlicher gött oder gett und bei Wipperfürth und Gummersbach ätt. Und euch heißt nur von Isselburg bis in die Lippegegend noch u oder ou wie im Niederrheinischen, von Essen an aber lautet’s ink, enk oder önk.

Das nd aber in der Mitte der Wörter wird im Westfälischen nicht zu ng wie südlich von der Uerdinger Grenze, sondern zu nn, also finnen, binnen, Kinner, gefunnen usw. Ein anderer Unterschied, der das Platt von ganz Westfalen scharf scheidet von allen rheinischen Mundarten, zeigt sich in den Formen für ich gehe, ich stehe, ich tue, ich schlage, diese heißen nämlich am Rhein gonn, stonn, donn, schlonn oder gohn, stohn, dohn, schlohn, also alle mit n am Ende. In ganz Westfalen heißen sie goh, stoh, dau, schloh, also ohne n am Ende. An einem dieser Wörter kann man sofort erkennen, ob einer westfälisches Platt spricht oder rheinisches.

Insgesamt fallen jedem zwei Eigentümlichkeiten des Westfälischen sehr leicht ins Ohr, wenn er über die Uerdinger Linie nach Westfalen zu geht. Der Westfale verwandelt alle langen u des Hochdeutschen z. B. in Buch, Tuch, Fuß, Hut, und Blut in au, sagt also Bauk, Dauk, Faut, Haut, Blaut und er verwandelt die meisten ie in ei, sagt also statt lieb, tief, Brief, leiw, deip, Breif. Das fehlt in allen Mundarten am Rhein, auch in der Gegend von Isselburg und Schermbeck kennt man es noch nicht. Nun muss ich noch bemerken, dass die Grenze zwischen dem Niederrheinischen und dem Westfälischen sich überhaupt nicht so scharf bestimmen lässt, das kommt sehr einfach daher, dass diese beiden Mundarten ziemlich viel Ähnliches haben und sich daher von Alters her leichter haben vermengen können.

DeutschNiederländischNiederrheinischWestfälischEssenWülfrathGummersbach


nördlich von Uerdingen



ihrgijgej, geej, ijgittgöttätt
euchuou, owu, ouinkönkenk
findenvindenfendefinnenfinnenfengefenge
bindenbindenbendebinnenbinnenbengebenge
KinderkinderenKenderKinnerKinnerKengerKenger
ich geheik gaek gonnik gohik gohech gonnech gonn
ich steheik staek stonnik stohik stohech stonnech stonn
ich tueik doeek donnik dauik dauech donnech donn
ich schlageik slaek schlonnik schlohik schlohech schlonnech schlonn
BuchboekBookBaukBaukBookBauk
TuchdoekTookDaukDaukTookDauk
FußvoetFootFautFautFootFaut
HuthoedHootHautHautHootHaut
BlutbloedBlootBlautBlautBlootBlaut
liebliefleefleiwleiwleefleiw
tiefdiepdeepdeipdeipdeepdeip
BriefbriefBreefBreifBreifBreefBreif

Mischmundarten zwischen Uerdinger und Benrather Linie

Wir haben nun schon zwei Mundarten gefunden, erstens das Niederrheinische von Uerdingen rheinabwärts bis zur holländischen Grenze, zweitens das Westfälische, das einen langen Streifen an der Grenze der Provinz Westfalen einnimmt. Was machen wir nun mit dem Gebiet zwischen der Uerdinger und der Benrather Linie? Herrscht hier auch eine besondere Mundart? Nein, sondern das Platt, das hier gesprochen wird, ist ein Gemisch aus den nördlich und südlich angrenzenden Mundarten.

Daher kommt es, dass in diesem ganzen Gebiet, also in den Kreisen Geilenkirchen, Heinsberg, Erkelenz, Kempen, Gladbach, Krefeld und der Nordhälfte des Kreises Neuss, ferner in den rechtsrheinischen Kreisen Düsseldorf, Mettmann und der nördlichen Hälfte von Solingen und Lennep fast mit jedem zweiten dritten Ort der Dialekt ganz auffallend schon verändert klingt.

Und zwar gilt dies ganz besonders von der linken Rheinseite und dem flachen Streifen rechts vom Rhein bei Düsseldorf, aus dem einfachen Grunde, weil in ganz flacher Gegend sich die Völker viel leichter vermengen konnten als in den Bergen. Daher können wir auch nur in den Bergen im sogenannten Bergischen noch einige Grenzlinien mit Sicherheit ziehen. Und dazu wollen wir die Wörter Rhein und Wein benutzen.

Die bergischen Mundarten

In Düsseldorf sagt man bekanntlich Rhing und Wing, auch in der Umgegend, sobald aber die Berge anfangen östlich von Ratingen und Hilden hört man Rhien, Wien oder Rhinn, Winn und damit sind wir im bergischen Dialekt. Dieser zerfällt aber wieder in vier Unterdialekte, erstens den Solinger, zweitens den Remscheider, drittens den Mettmanner und viertens den Wülfrather Dialekt.

Der Mettmanner und Solinger hat ehr, öch, ühr für hochdeutsches ihr, euch, euer, der Wülfrather und Remscheider aber schon gött und önk. Die beiden nördlichen Mettmann und Wülfrath gebrauchen mich und dich statt mir und dir, gerade wie man auch in Düsseldorf sagt „dat sag ich Dich“ oder „geff mich dat“, aber niemals „dat sag ich Dir“ oder „geff mir dat“. Im Solinger wie im Remscheider Dialekt aber heißt‘s wie im Hochdeutschen mir und dir auf die Frage wem und mich und dich auf die Frage wen. Der Solinger hat Winn, Rhinn, die drei anderen Dialekte aber Wien und Rhien.

DeutschNiederländischNiederrheinischMischmundartenNiederfränkischSolingenRemscheidMettmannWülfrath


nördlich von Uerdingenzwischen Uerdingen und Benrathsüdlich von Benrath


RheinRijnRhienRhingRhingRhinnRhienRhienRhien
WeinwijnWienWingWingWinnWienWienWien
ihrgijgej, geehr, ührehr, ührehrgöttehrgött
euchuou, owöch, üchöch, üchöchönköchönk
eueruwoue, oweöre, üreöre, üreührönkührönk
mirmijmejmechmechmirmirmechmech
dirjoudejmechdechdirdirdechdech
wirwijwir, weimermermermermermer

Das Diminutiv in den bergischen Mundarten

Am schönsten aber scheiden sich die vier bergischen Dialekte durch die Art, wie sie Verkleinerungswörter wie Stöckchen, Häuschen, Bäumchen, Bänkchen bilden. Wenn man die Verkleinerungswörter untersuchen will, so muss man auf zweierlei Acht geben. Erstens muss man die Wörter, die auf k, ch, g, ng endigen genau von allen andern trennen, diese nehmen eine andere Endung an als die andern, das kommt aber bloß daher, weil man nicht bequem Büchchen, Tüchchen, Äugchen sagen kann und man deshalb einen Buchstaben zur Erleichterung hat einschieben müssen, zweitens aber muss man bei den Verkleinerungswörtern darauf achten, wie die Mehrzahl gebildet wird.

Nun finden sich in den vier bergischen Dialekten folgende deutliche Unterschiede bei den Verkleinerungswörtern:

1. Der Mettmanner Dialekt hat nach Wörtern die auf k, g, ch, ng endigen die Verkleinerungssilbe sken und in der Mehrzahl skes, also z. B. dat Bänksken, die Bänkskes, hochdeutsch das Bänkchen, die Bänkchen, nach anderen Wörtern aber lautet‘s ken und kes, also dat Bömken, die Bömkes für Bäumchen.

2. Der Solinger Dialekt hat dat Bänksken, aber die Bänksker, also mit r in der Mehrzahl, nicht mit s, ebenso dat Bömken und die Bömker.

3. Der Wülfrather Dialekt hat alles genau wie der Mettmanner,

4. der Remscheider hat dat Bänkelschen und die Bänkelscher, also nicht sken sondern elschen und in der Mehrzahl r nicht s, ferner dat Bömken, die Bömker wie der Solinger.

Nun wird‘s aber Zeit, dass wir von dem bergischen Lande Abschied nehmen und uns mal südlich von Benrath umsehen. Zum Schluss wollen wir uns noch merken, dass der bergische Dialekt sich nicht ganz auf einmal von dem westfälischen abtrennt, sondern dass die Orte, die wie Elberfeld und Lennep an der Grenze liegen, Eigentümlichkeiten aus beiden Dialekten durcheinander besitzen.

DeutschNiederländischSolingenRemscheidMettmannWülfrath
das Bänkchenhet bankjedat Bänkskendat Bänkelchendat Bänkskendat Bänksken
die Bänkchende bankjesdie Bänkskerdie Bänkelscherdie Bänkskesdie Bänkskes
das Bäumchenhet boompjedat Bömkendat Bömkendat Bömkendat Bömken
die Bäumchende boomtjesdie Bömkerdie Bömkerdie Bömkesdie Bömkes

Der Kölner Stadtdialekt und das Niederfränkische

Jetzt reisen wir alle zusammen nach Köln. Köln, die uralte Stadt, hat einen besonderen Stadtdialekt, d.h. es hat den Dialekt, der ringsumher auf dem Lande herrscht, etwas mit hochdeutschen Eigentümlichkeiten vermengt, was sich auch in anderen größeren Städten findet. Man sagt z. B. in Köln Kleider, rein, klein, aber auf dem Lande ringsum Kleeder, reen, kleen, oder der Kölner sagt Baum, Auge, rauche, die Umgegend Boom, Ooge, rooche und so noch andere Sachen. Davon abgesehen aber ist Köln der eigentliche Mittelpunkt einer großen, die ganze Mitte der Rheinprovinz einnehmenden Mundart. Diese hat man die niederfränkische genannt und unter dem Namen wollen wir sie uns denn auch merken.

DeutschNiederländischNiederrheinischMischmundartenNiederfränkischKölsch


nördlich von Uerdingenzwischen Uerdingen und Benrathsüdlich von Benrath
KleiderklederenKleederKleederKleederKleider
reinpuur, properreenreenreenrein
kleinkleinkleenkleenkleenklein
BaumboomboomboomBoomBaum
AugeoogoogoogeOogeAuge
ich raucheik rookek rookech rookech roochich rauch

Aachener und Eupener Mundart

Nach Norden ist die Benrather Linie ihre Grenze und wir wissen schon, dass nördlich von dieser Grenze ein Platt herrscht, das aus dem Niederrheinischen und eben aus diesem Niederfränkischen, das um Köln herum gesprochen wird, sich zusammengemischt hat. Wie aber nach Westen, also nach Aachen zu und nach Süden und Osten hin das Niederfränkische begrenzt wird, das wollen wir nun untersuchen.

Im Westen, das haben wir oben schon gesehen, ist die Benrather Linie zwischen Eupen und Aachen noch einmal zurückgekehrt und hat den westlichen Teil des Kreises Eupen abgetrennt. Hier herrscht also ebenso wie nördlich von der Benrather Linie Mischmundart. Wir müssen aber noch eine zweite Grenzlinie im Westen ziehen, welche die Aachener Mundart von dem Niederfränkischen abtrennt. Es ist schwer zu sagen, wonach man diese Grenze bestimmen soll, denn da die beiden Mundarten sehr ähnlich sind, so gehen sie ganz allmählich ineinander über.

Die Linie auf dem Kärtchen, welche bei Kornelimünster vorbeigeht, gibt an, wie weit nach Westen das Kölnische Rhing und Wing vorkommt, weiter westlich, also auch in Aachen selbst, sagt man Wien, Rhien. Andere Eigenheiten des Aachener Dialekts, die aber noch etwas weiter nach Köln hin reichen, sind die Form wier oder vier für das hochdeutsche wir, welches im Niederfränkischen überall mir oder mer heißt, dann die Mehrzahl der Verkleinerungswörter, die auf re gebildet wird, also z. B. die Bänkelchere, die Bömchere und in der Eupener Mundart die Bänkelchere, die Bömkere, ferner fehlen im Aachener Platt mir und dir und stattdessen steht mich und dich, wie wir‘s oben bei Mettmann und Wülfrath und Düsseldorf gefunden haben.

DeutschNiederländischNiederrheinischMischmundartenNiederfränkischAachenEupen


nördlich von Uerdingenzwischen Uerdingen und Benrathsüdlich von Benrath

mirmijmejmechmechmichmich
wirwijwir, weimermerwier, vierwier, vier
RheinRijnRhienRhingRhingRhienRhien
WeinwijnWienWingWingWienWien
das Bänkchenhet bankjedat Bänkskendat Bänkskendat Bänkchedat Bänkelchendat Bänkelchen
die Bänkchende bankjesde Bänkskesde Bänkskesde Bänkchedie Bänkelcheredie Bänkelchere
das Bäumchenhet boompjedat Bömkendat Bömkendat Bömchedat Bömchendat Bömken
die Bäumchende boomtjesde Bömkesde Bömkesde Bömchedie Bömcheredie Bömkere

Die mittelfränkischen Mundarten

Wir haben nun noch zu sehen, wie das Niederfränkische, also die Mundart um Köln herum sich nach Süden hin begrenzt. Da finden wir denn, dass hier ebenso wie im Norden nicht gleich eine ganz andere Mundart sich anschließt, sondern dass es ein Übergangsgebiet gibt, in welchem sich die nördliche und die südliche Mundart vermischt haben. Welches sind nun die beiden Mundarten die sich hier vermengen?

Die nördliche ist die niederfränkische um Köln, wie wir schon wissen, die südliche aber ist der Moseldialekt auf dem linken Rheinufer zu beiden Seiten der Mosel, und der Westerwälder Dialekt auf der rechten Rheinseite im Westerwald. Diese beiden, der Moseldialekt und der Westerwälder Dialekt sind fast ganz gleich und man nennt sie auch zusammen das Mittelfränkische, und zwar die nördlichste Mundart des Mittelfränkischen, denn es gibt noch weiter südlich andere mittelfränkische Mundarten, die uns aber hier nichts angehen.

Das Niederfränkische und das Mittelfränkische sind nun aber, wie schon der Name sagt, gar nicht so sehr verschieden, bei weitem nicht so sehr, wie das Niederfränkische und das Niederrheinische es sind. Daher und dann auch deshalb, weil wir jetzt schon ganz in bergigem Lande sind, ist der Übergangsdialekt gar nicht so verwickelt und so toll durcheinander geworfen, wie wir es zwischen der Benrather und der Uerdinger Linie gefunden haben. Und so können wir mehrere ganz klare Stufen unterscheiden und Grenzen angeben, wie sich allmählich die eine Mundart in die andere verwandelt.

ND zu NN

Die erste Haupteigentümlichkeit des Mittelfränkischen, die sich von da an südlich in ganz Mitteldeutschland findet, ist die Veränderung von nd im Innern der Wörter in nn, es heißt hier also finnen, binnen, Kinner, gefunne, annersch für finden, binden, Kinder usw. Danach ziehen wir die Südgrenze des Niederfränkischen, also die Nordgrenze des Übergangsdialekts. Sie läuft von der Nordecke des französischen Gebiets bei Malmedy quer durchs Land, geht bei Mehlem und nördlich von Königswinter über den Rhein und trifft an der Ostgrenze der Rheinprovinz grade mit der Grenze zwischen eck und ech zusammen.

Hochdeutsche Diphthongierung – U zu AU und I wird EI

Eine zweite, ebenfalls nach Süden hin sehr weit verbreitete Eigentümlichkeit des Mittelfränkischen ist, dass man nicht mehr Huhs, Hühser, Düwel, Buhren, duren, Muhr, Mührchen, sondern Haus, Häuser, Deuwel, Bauern, dauern, Mauer, Mäuerchen, sagt wie im Hochdeutschen und ebenso nicht mehr schriewen, bliewen, fieren, bießen, schmießen, sondern schreiwen, bleiwen, feiern, beißen, schmeißen mit einem ei wie im Hochdeutschen. Danach ziehen wir eine zweite Grenzlinie, diese geht bei Remagen über den Rhein, läuft meist südlich neben der Grenze von Königswinter her, nur im Osten geht sie noch nördlicher als diese und ganz im Westen teilt sie sich in zwei Arme, zwischen denen die Veränderung von u in au und ü in eu und i in ei schon in einzelnen Wörtern, aber noch nicht in allen vorkommt.

Das G bleibt bis Sinzig erhalten

Eine dritte Grenzlinie wollen wir nun noch ziehen, welche diejenige Eigentümlichkeit des Niederfränkischen, die am weitesten nach Süden geht, uns angibt, das ist die Form Wing und Rhing für Wein und Rhein. Diese dritte Grenze geht bei Sinzig über den Rhein, wie wir ganz im Anfang schon gelernt haben. Mit ihr geht eine ganz ähnliche Form, nämlich für neun nüng fast überall genau zusammen, nur im Westen geht nüng oder nöng oder neng noch weiter südlich. Mit diesem nüng oder nöng oder neng haben wir die Südgrenze des Übergangsgebiets erreicht und von hier bis zur Mosel herrscht das reine Mittelfränkische.

DeutschNiederländischNiederfränkischMittelfränkisch


südlich von Benrathsüdlich von Sinzig
findenvindenfengefinnen
bindenbindenbengebinnen
KinderkinderenKengerKinner
andersandersangerschannersch
HaushuisHuhsHaus
HäuserhuizenHühserHäuser
TeufelduivelDüwelDeuwel
BauernboerenBuhrenBauern
dauerndurendurendauern
MauermuurMuhrMauer
MäuerchenmuurtjeMürchenMäuerchen
schreibenschrijvenschriewenschreiwen
bleibenblijvenbliewenbleiwen
feiernvierenfierenfeiern
beißenbijtenbießenbeißen
schmeißensmijtenschmießenschmeißen
RheinRijnRhengRhein
WeinwijnWengWein
neunnegennüngneun

Zusammenfassung der rheinischen Mundartgebiete

Zum Schluss wollen wir uns das Ganze noch einmal kurz vor Augen führen und uns die Grenzlinien etwas genauer ansehen. Wir haben also drei Hauptmundarten gefunden:

1. das Niederrheinische von Kleve bis Uerdingen,

2. das Niederfränkische von Benrath bis Königswinter,

3. das Mittelfränkische von Sinzig bis südlich von der Mosel.

Dazwischen liegen zwei Striche mit Mischungsmundarten von Uerdingen bis Benrath und von Königswinter bis Sinzig,

zuletzt läuft am Nordostrand ein Streifen mit westfälischem Platt

und im Westen bei Aachen und Eupen sind besondere Mundarten.

Wenn wir uns nun die Grenzlinien auf der Karte betrachten, so kann man zuerst die Beobachtung machen, dass sie alle quer über den Rhein laufen, denn nirgendwo bildet der Rhein selber die Grenze, so wenig zwischen zwei deutschen Dialekten, wie auch dem Deutschen überhaupt und dem Französischen. Und das gilt von seinem ganzen Lauf von der Schweiz bis Holland.

Zweitens aber sehen wir, dass da, wo Gebirge sind, die Grenzlinien auf der Höhe der Berge laufen, z. B. die Uerdinger Linie von Kettwig bis bei Wipperfürth, die Benrather Linie von Wipperfürth nach Osten hin, die Königswinterer Linie links vom Rhein, so bilden auch die hohe Acht bei Adenau und die Schneifel bei Prüm eine Dialektgrenze.

Zur Entstehung der Mundartgrenzen

Daraus lernen wir denn ganz deutlich, dass die Völkerstämme in alten Zeiten die Täler der Flüsse und Bäche hinaufgewandert sind, was auch ganz begreiflich ist, denn im Tal lebt man stets geschützter gegen Wind und Wetter und hat Wasser und fruchtbaren Boden. Und als sie endlich bis auf die Höhen hinauf sich ausgedehnt hatten, weil’s in den unteren Tälern allmählich an Platz fehlte, ja da hätten sie ja einfach ins nächste Flusstal hinuntersteigen können, sollte man denken.

Aber prosit die Mahlzeit, da fanden sie’s dort schon gerade so besetzt vom Nachbarvolksstamm und da sagten sie sich „Guten Morgen, Herr Nachbar!“ und sahen zu, wie sie daheim noch ein Plätzchen fanden. So kommt‘s denn, dass seit so alten Zeiten denn über tausend Jahre sind schon vergangen, sich die Grenzen der Dialekte und, was ja schließlich auf eins hinausläuft, der Volksstämme so treulich bewahrt haben. Aber wenn’s auch allerlei Verschiedenheiten unter all den Dialekten im Rheinland gibt, noch viel größer sind doch die Ähnlichkeiten in der Sprache und im ganzen Wesen des Volks.

Und eins haben die Rheinländer alle gemeinsam daran, kennt man sie, so es sind fidele und gescheite Leute und wenn’s noch so schlimm geht, der Rheinländer ist nicht klein zu kriegen.

aus: „Das rheinische Platt“ von Georg Wenker, 2. Auflage, erschienen 1877, herausgegeben vom Autor zu Düsseldorf

Grafik, Tabellen und Übertragung der Passagen in Mundart ins Hochdeutsche von Marc Real


2 Kommentare

Robby Vanesch · 7. August 2019 um 19:22

Sehr geehrter,

ich habe eine frage über die grenze zwischen den Mischmundarten zwischen Uerdinger linie und Benrather linie scheidet von den Mettmanner – Remscheider – Solinger – Wülfrather Mundarten (Bergisch? Westbergisch?). Gibt es für diese linie auch einen namen? Mein Mundart is auch einer aus das gebiet des Mischmundarten aber an der westliche grenze in Belgiën (West-Limburgisch, unter verteilung Demerkempens).

Hochachtungvoll,

Robby Vanesch.

    Marc Real · 29. August 2019 um 08:31

    Lieber Herr Vanesch,

    die Bergischen Mundarten zwischen Mettmann und Solingen und die westlich gelegenen Mischmundarten gehören zum südniederfränkischen bzw. limburgischen Sprachraum. Diese unterscheiden sich in einzelnen Worten untereinander. Entlang der Sprachgrenze zwischen Ratingen und Mettmann gibt es einige wesentliche Veränderungen. Im östlichen bergischen Teil bleiben die -n an den Wortenden meistens erhalten wie in „maaken“ oder „en Stöcksken“ für machen; ein Stückchen. Zeit ist „Tied“ und ich bin heißt „ech sinn“. Zwischen Ratingen und Venlo heißt es hingegen „maake“ und „e Stöckske“ ohne -n und ich bin wird zu „ech bön“. Das Wort für Zeit unterscheidet sich im limburgischen Sprachraum weiter zwischen „Ziet“ in Ratingen und Düsseldorf und hartem „Tiet“ am Niederrhein zwischen Moers und Erkelenz. Diese einzelnen Sprachgrenzen verlaufen allerdings sehr unterschiedlich zwischen Ratingen und Mettmann und betreffen je nach Wort andere Orte. Darum befindet sich hier keine prägnante einzelne Linie, sondern eine ganze Menge verschiedener kleiner Grenzen. Ein anerkannter Begriff für diese Linie ist mir nicht bekannt. Wenn, könnten Sie von den einzelnen Sprachgrenzen als „Tied-Ziet-Linie“ oder „bön-sinn-Linie“ sprechen, je nach Wort, das Sie vergleichen möchten. Ich hoffe, dass ich Ihnen weiterhelfen konnte und wünsche Ihnen eine angenehme Zeit!

    Mit freundlichen Grüßen

    Marc Real

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