Aule Tieden

Alte Zeiten


Aus Heiligenhaus stammt dieses Gedicht über die Kinderzeit im alten Heiligenhaus.

Das Gedicht wurde von dem Heiligenhauser Industriekaufmann und Autor Hugo Weigel verfasst. Er wurde im Jahre 1922 geboren und ist einer der bekanntesten Mundartautoren in Heljenser Platt. Über viele Jahre leitete er die Plattdeutschen Abende des Geschichtsvereins Heiligenhaus. Im Jahr 2003 ist Hugo Weigel verstorben. Seine Gedichte und Geschichten sind in mehreren Büchern veröffentlicht worden, darunter in den zwei Bänden von „Sag et doch op Platt, dann klengt et nitt su-e hatt.“ Aus dem ersten Band von 1990 stammt dieses Gedicht.


Hugo Weigel
Hugo Weigel (1922 – 2003)
Bild zur Verfügung gestellt vom
Geschichtsverein Heiligenhaus e.V.

Damit Sie dieses Gedicht bestmöglich verstehen können, finden Sie rechts neben dem Text in Mundart die hochdeutsche Übertragung.

Der Text wurde freundlicherweise vom Geschichtsverein Heiligenhaus zur Verfügung gestellt. Für die Unterstützung möchte ich mich herzlich bei dem Kustos des Museums Abtsküche, Herrn Reinhard Schneider, bedanken!


Aule Tieden

Em Jaden hann ech döks jeseten,
an aule Tieden dann jedeit;
denn die kann man waal nitt verjeten,
o-uch wenn se nitt mer Jlöck jebreit.
Im Garten habe ich oft gesessen,
an alte Zeiten dann gedacht;
denn die kann man wohl nicht vergessen,
auch wenn sie nicht nur Glück gebracht.
Et es su-e schö-in, turök tu blecken
bes en die wi-etste Kengertied,
un dann dobe-i Bilanz tu trecken,
öm ens tu senn de Ongerschied.
Es ist so schön, zurückzublicken
bis in die fernste Kinderzeit,
und dabei dann Bilanz zu ziehen,
um mal zu seh’n den Unterschied.
Wie et doch frö-iher su-e jemötlech,
su-e stell un nitt su-e hektesch wor,
wo Autos noch janz onjewühnlech
un man tu Fuut noch jlöcklech wor.
Wie es doch früher so gemütlich,
so still und nicht so hektisch war,
wo Autos noch ganz ungewöhnlich
und man zu Fuß noch glücklich war.
Wir freuden us de janze Week,
wenn Vader us verspreken died
„Am Sonndag jonnt wir nom Angerbeek!“
Do wor us ke-ine Weg tu wiet!
Wir freuten uns die ganze Woche,
wenn Vater uns versprochen hatte
„Am Sonntag geh’n wir zum Angerbach!“
Da war uns nie ein Weg zu weit!
Un wenn wir dann tum ju-eden Schluß
mem Zog noch fuhren — mer en Stöck —,
dat wor ne recht’je Huochjenuß.
Wir deiden döks dodraan turök.
Und wenn wir dann zum guten Schluß
mit dem Zug noch fuhren — nur ein Stück —,
das war ein richt’ger Hochgenuß.
Wir dachten oft daran zurück.
Wir liepen mols no Flangerschbeck
un manchmol o-uch nom Scharpenste-in.
Wir fuhren Kahn un turnden Reck
un woren nie dobe-i alle-in!
Wir liefen manchmal nach Flandersbach
und manchmal auch zum Scharfenstein.
Wir fuhren Kahn und turnten Reck
und waren nie dabei allein!
De janze Familje wor tur Stell
un stong am Sonndag frö-ih ald op.
Et jeng tu Fuut tur Ble-ibergquell’;
dat jong janz staats de Berg erropp!
Die ganze Familie war zur Stell
und stand am Sonntag früh schon auf.
Es ging zu Fuß zur Bleibergquell’;
das ging ganz schön den Berg hinauf!
Wir moßden lo-upen stondenlang
un wie wir jengen op Hus opaan,
seid Vader be-im Sonnenongerjang:
„Vam Bo-um af neh’m wir de Strootenbahn!“
Wir mußten laufen stundenlang
und wie wir gingen nach Hause dann,
sagt’ Vater beim Sonnenuntergang:
„Vom Baum ab nehm’ wir die Straßenbahn!“
Tu Hus do sooten wir tusamen
met alle Mann be-im Owendeten
un seid nom Eten Vader „Amen“,
dann wor die Mödegke-it verjeten!
Zuhause da saßen wir zusammen
mit alle Mann beim Abendessen
und sagt nach dem Essen Vater „Amen“,
dann war die Müdigkeit vergessen!
Et wu-ed noch op der Stroot jespellt
met Beckels, Dülldopp, Schibbelrangd!
Wir höppden öm de halwe Welt,
wenn wir dann spellden öm en Langd!
Es wurd’ noch auf der Straße gespielt
mit Knicker, Kreisel und Reifen!
Wir hüpften um die halbe Welt,
wenn wir dann spielten um ein Land!
Die ju-ede aule Kengertied,
se es vörbe-i, doch nitt verjeten!
Wenn se o-uch le-it turök janz wi-et,
se lött sech met vandag nitt meten!
Die gute alte Kinderzeit,
sie ist vorbei, doch nicht vergessen!
wenn sie auch liegt zurück ganz weit,
mit heute läßt sie sich nicht messen!
Wir woren frö-iher rasch tufrieden,
met Kle-inigke-iten wor’n wir fru-eh!
Vandag mot alles öwerbieden!
Wat sall’n wir donn — et es nu-e su-e!
Wir waren früher rasch zufrieden,
mit Kleinigkeiten war’n wir froh!
Heut’, da muß alles überbieten!
Was soll’n wir tun — es ist nun so.

aus: „Sag et doch op Platt, dann klengt et nitt su-e hatt! – Gedichte in Heljenser Platt“ von Hugo Weigel, erschienen 1990, herausgegeben vom Geschichtsverein Heiligenhaus e.V und dem Kulturamt der Stadt Heiligenhaus, Seiten 36 bis 39

Originaltext in Heiligenhauser Mundart, übertragen ins Hochdeutsche von Hugo Weigel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.